Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 2,1.pdf/389

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Das sind vereinzelte Erwähnungen, und wir können nur vermuten, wie viel Tatsächliches von Geschäften aller Art, von Geldnot Wucher Unrecht Leidenschaft sich hinter diesen dürftigen Angaben birgt. Näher bekannt wird uns nur die Debitorschaft der Stadt selbst, zur Zeit der zweiten Judengemeinde.

Die erste Gemeinde, die 1349 ihr Ende fand, scheint stärker ansehnlicher gewesen zu sein als die spätere. Aber sie zeigt sich uns beinahe nur in äußern Dingen ihrer Ansiedelung und im Verhältnisse zur Grundherrschaft. Von ihrer Stellung im Gemeinwesen erfahren wir kaum etwas, höchstens die beiläufige Angabe, daß sie den Schutz des städtischen Rates genoß.

In ganz andrer Weise erkennbar wird die zweite Gemeinde. Schon durch das mannigfaltige und deutliche Leben einzelner Figuren: der Familien vorerst, die seit 1362 die erst vor kurzem ausgemordeten Wohnplätze ihres Stammes wieder beziehen; dann der Ärzte Josset und seines Sohnes Gutleben; der großen Sara, der Käuflerin; der schönen Jüdin, die diesen ihren Stadtnamen und Ruhm auch im Rechnungsbuche des Rates behält; des jüdischen Diebes, der am Galgen Christ wird; namentlich aber des Moses von Colmar, neben Menlin von Rufach und Eberlin von Gebweiler eines Führers der Gemeinde. In den Geldangelegenheiten zwischen Judenschaft und Rat nahm er eine Hauptstellung ein; vielleicht war er sogar Berater bei der städtischen Finanzpolitik.

Der Wiedereintritt der Juden in Basel fiel in die Zeit, da die Stadt sich nach dem Erdbeben wirtschaftlich wieder konsolidierte, ihr Schuldenwesen ordnete, mit Neubau und Befestigung eine gewaltige Arbeit auf sich nahm. Es waren Jahre des Vorherrschens kaufmännischer Erfahrungen und Gedanken im Rate, und die Vermutung liegt nahe, daß diese Geschäftsleute, die Zscheckenbürlin Ziboll Berner Agstein usw., auch dafür wirkten, durch Öffnung Basels für Juden dem Gemeinwesen die Nutzung der Kapitalien und der finanziellen Fähigkeiten dieser Leute möglich zu machen.

In erstaunlich großem Maße haben sich die Juden während dieser Jahrzehnte an den Finanzoperationen der Stadt beteiligen, zu Deckung ihrer Geldbedürfnisse helfen müssen. Die Leistung erscheint um so beträchtlicher im Blick auf die Kleinheit der Kolonie. Aber das Lebendige, ja Ergreifende ist, daß die Juden solchen Dienst taten wie zum Entgelte dafür, das so bequeme Gewerbe des Wuchers unter öffentlichem Schutze treiben zu dürfen, und zugleich in dem gewiß unverhüllten Zwange zu diesem Dienst die stete höhnische Mahnung daran erkennen konnten, die Verachteten und Zertretenen zu sein.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1911, Seite 368. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_2,1.pdf/389&oldid=- (Version vom 10.11.2016)