Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 2,1.pdf/398

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sich aufhält. Aber Grenze und Wechsel sind im Einzelnen unbestimmbar. Die Art des ganzen Wesens bringt es mit sich, daß Herumziehende hier sitzen bleiben, das unstäte Leben aufgeben und das seßhafte wählen, daß hinwiederum Ansässige zu Fahrenden werden können. So müssen wir uns mit demjenigen Gemeinsamen begnügen, das durch die Ordnung des Kohlenbergs gezeigt wird.


Die Kohlenberggegend grenzte an die Altstadt und war doch abseits gelegen, den großen zur Stadt führenden Landstraßen nicht zu fern. Fast durchaus Garten und Feld konnte sie nie als eigentliche Vorstadt gelten, sondern war isoliertes Nebenland zwischen zwei Vorstädten. Aber seit dem XIV. Jahrhundert ummauert gab auch sie den Begriff von Stadt, das Gefühl von Sicherheit.

Hier oben nun, mit dem Blick hinab auf die große Stadt, in der die Ordnung, die Strenge und die Arbeit herrschte, aber auch die Sorge wohnte, die feste Ansässigkeit oft bedrücken mochte, breitete sich das Quartier der Unverpflichteten Streifenden, der Anrüchigen Ehrlosen Ausgestoßenen.

Auf dem Kohlenberg fanden sich zusammen die ständig hier wohnenden Nachrichter und Totengräber, sodann Bettler Gauner Frauenwirte, Dirnen mit ihren Zuhältern, Kriegsknechte Gaukler Spielleute Sprecher, eine ganze Vagantenwelt, in der auch Räuber und Mörder sein konnten neben Hausierern und den durchs Land ziehenden Kesselflickern Spenglern u. dgl. Allen diesen war der Kohlenberg, nicht ausschließlich, Sammelplatz Wohnung Herberge.

Basel bot dem fahrenden Volke dieses Stelldichein, einen mitten im Reichtum der oberrheinischen Lande und bei allen Heerstraßen gelegenen, von den Schlupfwinkeln in Bergen und Tälern leicht erreichbaren Platz; es ergänzte damit seine Funktion einer Transitstadt auf seltsame aber durchaus nützliche Weise. In einer Zeit ohne jede systematische Armenpflege, ohne konstante Fremden- und Gaunerpolizei war hier ein Ort geschaffen, wo dies ganze Treiben eine Regelung erhielt, die Herumschweifenden eine Art Heimat fanden. Wohl schon frühe und ursprünglich weniger von Basels als von des Reiches wegen. Nur die Reichsgewalt vermochte diesen Leuten, die sich an keinen Ort banden, eine solche Ordnung zu geben; sie schützte das Publikum, indem sie „das ungebundene Volk dem Staate näher brachte“, „mit menschenfreundlicher Weisheit den gefährlichsten Teil der Menschen, die weder Gut noch Ehre zu verlieren hatten, zu einem Rechtsgefühl bildete“.

Drei Tage lang durften die Totengräber und andre Hausbesitzer auf dem Kohlenberg einen Fahrenden herbergen; für dieselbe Zeitdauer gab der

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1911, Seite 379. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_2,1.pdf/398&oldid=- (Version vom 10.11.2016)