Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 2,1.pdf/399

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Reichsvogt Solchen, die hier betteln wollten, die Erlaubnis hiezu. Diese Wohnung unter dem Schirme der Stadt und diese Bettelfreiheit machten den Basler Kohlenberg zu einem Asyl für das sonst überall verachtete verjagte, zu Unrecht und Gewalttat aufgereizte Vagantenvolk.

Aber noch mehr: hier oben fand dieses auch seinen eigenen Gerichtshof, mit den in Basel schirmgenössigen Freiheiten als Richtern und Urteilern und unter der Aufsicht des Reichsvogtes. Zuständig war das Gericht für alle Fahrenden und Unehrlichen, ohne Rücksicht auf Wohnsitz, und klar trennt das Recht ihre verschiedenen Hauptgruppen: die „Giler Stirnstößel Blinden Lahmen Köppeler“ d. h. die Bettler und Landstreicher; die „leichten schnöden Leute“ d. h. die Dirnen mit ihrem Anhang; die Nachrichter, Totengräber.

Es ist von Reiz zu sehen, wie die staatliche Gewalt dieses schwer zu fassenden Volkes sich annimmt[WS 1], ihm ein Recht schafft; wie die rohe Wildheit, das ungebundene Leben immer wieder sich unter diese Ordnung stellt. Freilich nicht der Ordnung zu Liebe. Was die Fahrenden auf dem Basler Kohlenberge suchen, ist Schutz, ist Ruhe auf ihrer Jagd durch die Lande, ist Dach und Fach, ist in der reichen Stadt ein privilegierter einträglicher Bettel, ist Gesellschaft von Ihresgleichen. Hier ist der weit in der Runde berühmte Sammelplatz für alle Bettler und Landstreicher, Bursche und Weiber.

So täuschen wir uns auch nicht über das Leben, das im Rahmen dieser Ordnung geführt wird. Was Sebastian Brants Reime davon sagen, wiederholen ausführlicher die Akten. Nicht nur drei Tage bleiben die Leute da oben liegen, wie sie sollten, sondern oft viel länger, ganz nach Belieben, in Völlerei und Spiel. Immer wieder hat der Oberstknecht gegen das Gesindel einzuschreiten, Fehlbare fortzuweisen. Alles Lokale erscheint dabei als beseitigt; es ist das Treiben des freien zuchtlosen Volkes, dem die Welt gehört, das hier in der Stadt leben will und lebt wie draußen auf der Heide, im Wald, in der Dorfschenke. Es hat auch sein Fest hier, am Tage vor St. Jacob, 24. Juli; da ist die Basler Kilbe der Fahrenden, und unter der Gerichtslinde springen Bettler und Dirnen, Blinde und Lahme im Tanz.

Dies buntgemischte Volk berührt sich auch mit den Zigeunern.

Während der 1410er Jahre zeigen sich diese, die „Heiden“, die „Sarraciner“, hier zum ersten Mal. In wiederholten Stößen streichen sie durch die oberrheinischen Lande. 1414, 1417, 1418, 1419, dann wieder 1422 unter ihrem Herzog Michael von Ägypten. Sie sind Jedermann unleidlich, trotz den königlichen Geleitbriefen, und werden nicht in die Stadt gelassen, sondern müssen draußen im freien Felde lagern; „ungeschaffene

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: annnimmt
Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1911, Seite 378. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_2,1.pdf/399&oldid=- (Version vom 6.5.2018)