Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/175

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schon den Knaben aus. Das Meiste und Beste, was er sich gewann, erwarb er als Autodidakt.

Sein Dämon trieb ihn zum Verlangen nach dem Erlesenen, nach den Heiligtümern der Musen; er stärkte ihn im Vertrauen auf sich selbst und die Kraft seines Willens. Schon in dieser Zeit lebte Erasmus unter häufigem Wechsel des Ortes. Wir folgen ihm nach Cambrai, nach Paris, nach Oxford. Er weilt dann auch in Orleans, in Amiens, wiederholt da und dort in England, in Löwen usw. Vom Herbste 1506 an hält ihn Italien fest, wohin ihm schon sein Ruhm vorangeht, wo er in Turin Doktor der Theologie wird, in Bologna Rom Venedig Padua arbeitet und Freunde gewinnt. 1509 geht er zu einem ähnlich lange dauernden Aufenthalte nach dem ihm vertrauten England.

So bildet er sich und reift er an verschiedenen Orten, wird er heimisch auf der weiten Erde. Auch die Arbeitsformen wechseln. Neben seinen Studien erteilt er Privatunterricht, hält er zeitweise Vorlesungen, ist er Mentor und Meister vornehmer Zöglinge. Alles jedoch macht den Eindruck freiester Freiheit. Freiheit von überlieferter Schulform, Freiheit von einem dauernd verpflichtenden Dienste, Freiheit vom Orte, soweit möglich auch Freiheit von Menschen.

Das Ganze ist Studium und hohe Welt. Den Erasmus charakterisiert, daß neben dem angestrengtesten, bis zur Erschütterung der Gesundheit betriebenen Arbeiten der Sinn für Exklusivität im täglichen Verkehre wie im Bereiche des geistigen Lebens sich äußert. Aus Dürftigkeit und Vereinsamung hat er sich selbst emporgebracht; nun will er, daß seine Person bekannt und berühmt sei. Es ist derselbe souveräne Sinn, der ihn über die gewohnten Kommentare der Gelehrten hinaus und empor führt. Der ihn in dieser Frühe die revolutionären Anmerkungen des Valla zum Neuen Testament und zugleich aus einer schon jetzt unermeßlichen Lektüre das Interessante und Graziöse aller Schriftsteller an Anekdoten Redensarten Sprichwörtern, mit gelehrten Noten und ganz eigenpersönlichen Bemerkungen verbunden, in der Sammlung der Adagia ans Licht bringen läßt. Nebeneinander stehen dann das Handbuch des christlichen Streiters (enchiridion militis christiani) und das Lob der Weltfürstin Torheit (ecnomium Moriae); in kurzem Abstande publiziert scheinen diese beiden Werke das Tiefste, was Erasmus bis dahin erfahren, von verschiedenen Seiten her wiederzugeben.

Wir folgen dem Gange des äußeren Lebens samt seinen Erfolgen, wobei wir das innere Glück dieses Daseins nur zu ahnen vermögen. Wie Erasmus später sein eigenes Werden in Parallele stellt mit dem Wachsen

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 154. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/175&oldid=3403078 (Version vom 1.8.2018)