Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/241

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Sammelhefte Vetustatis fragmenta. Amerbach wie Brilinger aber bekunden bei ihrem Sammeln ein weites, an keine Grenzen gebundenes Interesse. Mit antiken Inschriften mischen sie die Grabschriften von Reuchlin Valla Savonarola Albrecht Dürer usw., die Breisacher Torinschrift sowie Aufschriften an Geräten des Basler Münsterschatzes u. dgl. m., ja Grabschriften von Angehörigen der Familie Amerbach selbst. Am Schlusse der langen Reihe aber rufen die Scharen der Toten, denen diese Inschriften gelten, dem noch mitten im Leben stehenden Leser zu: „Allen drohet der Tod. Nimm dir ein Beispiel an uns und lebe glücklich!“


Dem Drange der Erkenntnis, der überall originale Form und ächteste Bezeugung sucht, öffnet sich auch der Weg zum Hebräischen.

Es handelt sich dabei um etwas eigentümlich Lockendes, vom Studium des Alten ganz Verschiedenes.

Wie ungefällig, injucundum, klingt das Idiom dem an römische Würde und attische Anmut gewöhnten Ohre! „Gute Götter, welch ein geistloses und trauriges Studium!“ ruft Zwingli. Aber diese Sprache des verachteten Judenvolkes, der gehaßten Christuslästerer, ist doch zugleich eine geheiligte Sprache, lingua sacrata. Ohne ihre Kenntnis ist das Alte Testament nicht zu verstehen. Durch sie zuerst hat Gott den Sterblichen seine Geheimnisse kundgetan, in ihr redet unmittelbar sein Mund. So urteilt Reuchlin, der Begründer hebräischer Wissenschaft in Deutschland, und so urteilen seine Schüler. Nicht zunächst durch philologisches, sondern durch theologisches Interesse ist er zu diesen Studien geführt worden.

Von Pellican ist schon wiederholt die Rede gewesen. Hier fesselt er uns als Derjenige, der Jahre hindurch der erste Hebraist des Oberrheins war. Schon sein frühester Aufenthalt in Basel 1502—1508 bescheert dieser Stadt Früchte seines durch Selbstschulung erworbenen reichen Wissens von hebräischer Sprache: die Mitarbeit am Hieronymus, den dem Ludwig Bär und den Amerbachsöhnen erteilten Unterricht, die Publikation der von ihm verfaßten Grammatik; nach Jahrzehnten noch redete Pellican mit Stolz davon, daß er es gewesen, der einst die hebräischen Studien nach Basel gebracht habe. Es ist die Zeit, da er mit Hilfe des Basler Rates nach hebräischen Büchern forscht, die bei einem Juden in Mülhausen sein sollen. Die Zeit, da auch Leontorius sich mit der Sprache abgibt; er schenkt 1509 dem Bruno Amerbach einige Blätter mit hebräischen Texten aus dem Nachlasse des alten Sebastian Murr in Colmar. Dann kommen die Wanderjahre Pellicans mit Satzger; aber auch sie lassen ihm Muße, in Basel zu

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 220. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/241&oldid=3403149 (Version vom 1.8.2018)