Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/247

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Inhalt des wohl auf seinen Antrieb geöffneten Grabes der Königin Anna im Münster und enthebt ihm die Krone; es ist eine in antiquarischem Eifer unternommene Grabschändung, die an die gerade damals übliche Schatzgräberei streift und ihre Parallelen hat in gleichzeitigen Öffnungen von Heiligengrüften durch eine schaugierige Devotion.

Aber wichtig ist das an solche lokalpatriotischen Leistungen sich weiter Anschließende.

Im Jahre 1519 publiziert Cratander das Schriftchen des Benvenuto di san Giorgio vom Ursprunge der Welfen und Ghibellinen mit der Würdigung des Otto von Freising als eines Geschichtszeugen gegenüber italiänischen Darstellern. Vielleicht ist Rhenan, der sich zu jener Zeit mit Barbarossa beschäftigt zu haben scheint, bei dieser Publikation beteiligt. Wie das Jahr 1519 überhaupt merkwürdig reich für Rhenan ist, ihn außerordentlich angeregt und überall hin in historicis tätig zeigt.

Er plant eine Ausgabe der deutschen Volksrechte, der leges Pipini. Durch Vermittelung des Calvus fahndet er auf Handschriften von Historikern, die nach dem Untergange des römischen Reiches geschrieben haben. Er geht einer Chronik nach, die der Abt eines Schwarzwaldklosters ihm vordem geliehen hat und die nun an Jacob Spiegel gekommen ist. Namentlich aber beschäftigt er sich mit Tacitus und seiner Germania. An der Gesamtausgabe bei Froben, August 1519, nimmt er Teil durch Revision des Germaniatextes, unter Benützung einer von Hieronymus Artolf ihm mitgeteilten Kollation, und durch Anfertigung eines Registers. Sodann aber gibt er der gleichzeitig und ebenfalls bei Froben erscheinenden Sonderausgabe der Germania einen Kommentar bei, der „einen ersten Platz in der Geschichte der kritischen Erforschung der deutschen Vorzeit verdient“. Aus Rhenans Mund auch vernehmen wir eine eigene Benennung des unmittelbar vergangenen Zeitraumes. Im Bewußtsein des Humanisten, in einer neuen, durch Wiederauferstehung des Altertums geweihten Zeit zu leben, redet er von der media antiquitas, die sowohl von dieser Gegenwart verschieden sei als von jenem Altertum.


Durch Gelehrsamkeit, kritisches Urteil, Methode des Arbeitens erweist sich Rhenan als einer der Bedeutendsten unter den deutschen Geschichtsforschern der Zeit; nachdem er sich lange hauptsächlich als Editor ausgezeichnet hat, wird er in seinen Drei Büchern deutscher Geschichte ein darstellendes Werk von hohem Werte geben.

Ein neuer Geist berührt auch Gesetzgebung und Jurisprudenz.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 226. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/247&oldid=3403155 (Version vom 1.8.2018)