Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/255

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Hinter dem allgemeinen Humanistenbegriff und auch hinter einem äußern Gleichsein lebt die größte Varietät einzelner Persönlichkeiten und Geistigkeiten, eine unendliche Verschiedenheit der Wirkungen von Quellen Autoren Gedanken Lehren usw. auf den Einzelnen. Hinter dem scheinbar überwältigenden Wesen der Sodalitas ahnen wir die Einsamkeit, die Jedem selbst inmitten vertrautester Genossen beschieden ist.

Aber in solche Tiefen wird uns kaum zu blicken gegönnt. Viel beflissener zeigen sich uns diese Menschen in der ihnen zusagenden Stilisierung.


Es handelt sich vor Allem um den sprachlichen Ausdruck. Um Erfüllung des Gebotes, daß auch die stärkste Gelehrsamkeit noch geadelt sein müsse durch auserlesene Form, daß auch die Grazien den Studien nahe sein sollen.

Dem Humanisten liegt nicht ausschließlich an der wissenschaftlichen Forschung. Er hat das Bewußtsein einer allgemeinen „menschlichen“ Aufgabe und der Vertretung neuer Ideen. Dem Ziele hoher Ausbildung seiner selbst ist er auch die Kultur des Wortes schuldig. Diese Einsicht macht den Gelehrten zum Schriftsteller und gibt der Sprachkunst die hohe Bedeutung.

Dabei wirkt die Erkenntnis, daß zum alten Mustergültigen zurückzukehren sei, auch auf diesem Gebiete. Mit Nachdruck fordert Rhenan die Humanistenjugend auf, sich wieder zur prisca elegantia, zur Formschönheit der Antike zu bekennen. Und kaum ein Jahrzehnt später, 1516, kann Erasmus froh verkünden, daß die Zeiten vorüber seien, da Grammatik und Rhetorik, „diese Führerinnen zu Reinheit Fülle und Glanz der Rede“, in elendem Stammeln untergiengen, und daß die Welt jetzt der Erudition wieder „das majestätische Geleite der Eloquenz“ beizugeben vermöge.

Derselbe Erasmus hat schon in seinem Buche De dublici copia eine methodische Anleitung zur Eloquenz gegeben, und er selbst ist der Meister der kunstreich ausgebildeten und doch wie ganz improvisiert klingenden, schmiegsamen, zum Dienste des höchsten Geistigen wie der Alltagskonversation bereiten Sprache. Unerläßlich ist von da an die Forderung der schönen durchgearbeiteten Form, der kunstvollen Satzfügung, der Wahl und Stellung der Worte nach dem Wunsch eines feinen Ohres, des Reichtums an Sentenzen und Bildern, überhaupt der elegantia. Autoren wie Leser werden dabei immer sensibler, sodaß bald keine „Simplicität“ mehr geduldet wird und nur diejenigen Schriften noch Lob erhalten, „die nach den Myrrhenkästchen der Musen duften.“

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 234. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/255&oldid=3403164 (Version vom 1.8.2018)