Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/256

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In öffentlicher Rede die Eloquenz tönen zu lassen, dazu wird hier außer Vorlesungen und akademischen Akten wenig Gelegenheit geboten. Um so wichtiger ist der Brief.

Die Briefe der Humanisten sind die zahlreichsten Dokumente ihres Wesens, zugleich die persönlichsten. Nirgends auch ist das Gebot der schönen Form so begründet wie beim Briefe, in dem der Humanist sich und seine Kunst darstellt und den er für Leser schreibt, die gleich ihm nicht allein mit den Augen lesen. Daher das was Stil heißt, in der Epistolographie seine höchste Anwendung finden soll; Schreiber von illiteratae literae bitten von vorneherein um Nachsicht, aber gutgeschriebene Briefe bereiten dem Empfänger eine voluptas, eine Wonne.

Das Schreiben eines Briefes ist eine literarische Arbeit. Sie bedarf des Beistandes der Musen. Aber es gibt auch Briefsteller und sonstige Hilfsmittel, elegantiarum praecepta, in Menge, die sie erleichtern. Von Cicero und Plinius an bis auf Petrarca Enea Filelfo Politian stehen klassische Muster vor den Augen der Schreiber. Bebel gibt ihnen in seiner Briefkunstlehre ein vielbenütztes Werkzeug an die Hand; ein noch näheres, mit stärkster Macht wirkendes Vorbild haben sie an Erasmus.

Wie auf allen Gebieten humanistischen Lebens und Leistens, so ist auch hier Erasmus der gefeierte Princeps. Er verfaßt den Briefsteller De conscribendis epistolis; seine große Sammlung von Sprichwörtern und Tropen, die Adagia, ist ein den briefschreibenden Humanisten geöffnetes und von ihnen unaufhörlich benütztes Magazin der Eleganzen und der Pointen, der Ornamentik und des Geistes. Namentlich aber wirkt er selbst durch sein Briefwerk als Stilmeister. Wenn der stilus erasmicus überhaupt höchste Form darstellt, so gilt dies vor Allem von den Briefen, in denen Geist und Laune, reichstes Wissen, jede momentane Stimmung, jede Nuance des Innern, vom Zauber einer einzigen Sprachkunst umgeben, flimmern. Zur literarischen Bedeutung dieses Briefthesaurus, eines Unicums an Umfang Inhalt Schönheit, kommt ihr programmatischer Wert; viele dieser Briefe des Erasmus sind Proklamationen an die Welt. Einer solchen Würde entspricht nicht allein die sorgfältige Führung von Konzeptbüchern in der erasmischen Privatkanzlei, sondern namentlich die oft wiederholte Publikation von Sammlungen erasmischer Briefe. Wie werden diese aufgenommen! Mutian in Gotha jauchzt, täglich hat er seine Lust daran. Moibanus in Breslau und Martens in Löwen stellen Auslesen aus diesen Schatzkammern her und veröffentlichen sie als Schulbücher.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 235. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/256&oldid=3403165 (Version vom 1.8.2018)