Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/298

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Näheres Erkennen dieser Zustände ist uns freilich unmöglich. Die neben Holbein wirkenden Meister sind meist nur durch Äußerlichkeiten bezeugt. Einzig Urs Graf wird uns auch in seinen Werken lebendig.

Urs Graf, von Solothurn stammend, faßt nach einem Jahrzehnt unruhigen Wanderlebens als Goldschmied und Glasmaler im Jahre 1509 Fuß in Basel.

Zu den Daten der Heirat (1511 mit Sibylla von Brunn), der Zunftannahme zu Hausgenossen und des Bürgerrechts 1512, des Todes 1527/28, fügt sich die reiche Dokumentierung einer merkwürdig starken und mannigfaltigen Künstlerkraft, aber auch die Kunde einer trotzigen Ausgelassenheit, die weit über jugendlichen Übermut hinaus noch dem mehr als Vierzigjährigen eigen ist. Das Temperament, das ihn so in Unfug und Roheiten aller Art leben heißt, wirkt natürlich auch auf seine künstlerischen Leistungen, auf sein ungewöhnlich langes Beharren im Gesellenstande, auf das unruhige Wechseln der Tätigkeit, auf das frühe Stehenbleiben der Entwickelung.

Urs Graf zieht wiederholt in den Krieg, auch als Reisläufer wider des Rates Verbot; er ficht bei Marignano und Bicocca. Seine Erscheinung gewinnt dadurch eine Zugabe an Mut und Männlichkeit und großem Erlebnis, hinter der die bürgerlichen Untugenden zurücktreten.

Es ist dieselbe Kraft, die diesen wilden rothaarigen Kriegsmann auch überall da erfüllt, wo er Künstler ist. Sie macht sein Künstlertum zu einem eigenartig vortretenden. Stets zum raschen frischesten Erfassen der Umgebung bereit, geistreich und aus nie versagender phantastischer Fülle der Eingebung heraus gestaltend, gibt uns Graf Bilder, die oft große Kunstwerke sind, oft auch Geschichtszeugnisse ohne Gleichen.

In Urs Graf begrüßen wir die stärkste Gestalt neben Holbein. Aber wir verkennen auch nicht die Weite des Abstandes dieser genialen Landsknechtnatur von der Kultur Holbeins. Was bei Diesem an sich schon exceptionelle Begabung ist, steigt noch an Macht durch seine Fähigkeit des Maßhaltens. Alle andern treten hinter ihm zurück.


Von Wichtigkeit ist die oft bis zur eigentlichen Leitung wachsende Einwirkung der Basler Kunst auf gewisse Techniken. Es kommen dabei die besondern Kräfte und Zustände der inclyta Basilea zur Geltung.

Vor Allem beim Buchgewerbe.

Wie nach dem Tode Amerbachs 1513 und dem Aufrücken Frobens zur Vorherrschaft das ganze Buchwesen sich neu gestaltet, so tut im Einzelnen auch die Buchdekoration einen großen Schritt vorwärts.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 277. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/298&oldid=3403211 (Version vom 1.8.2018)