Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/314

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Die großen festlichen Zusammenfassungen und Bewegungen des Lebens an den Kirchweihen zu Basel Liestal usw., am Haltinger Tag u. dgl. m., sind nichts Neues. Aber jetzt glauben wir Alles auf einer höhern Linie zu sehen. Breit und mächtig ausgebaut, von brausendem gesundem Leben übervoll sind diese Veranstaltungen alle, die eidgenössischen Fastnachten, die Urner Kilbe 1517 usw. Auch daß im Januar 1514, da der Rhein zufriert, das Volk auf der Eisdecke tanzt und spielt und bankettiert, ist ein nur jetzt möglicher Einfall. Es ist dieselbe derbe frohe Laune, die in Winternächten mit Fackellicht und Lustjauchzen durch die Gassen Schlitten fährt, unbekümmert darum, ob von den fliegenden Funken Häuser in Brand aufgehen. Wir denken auch an die großen Festtage der Zünfte, die jetzt mit erhöhtem Pompe begangen werden; an die dramatischen Spiele auf Straßen und Plätzen; an die wilden Fastnachtszenen auf der Höhe beim Steinentor.

Alles erscheint zusammengefaßt in dem Gesinntsein und Handeln, das als „ungestümes Leben“ die Stadt erfüllt.

Wir haben aus der Art der Zeit heraus zu begreifen, wie neben der festen Ordnung des Gemeinwesens und des Hauses, neben Ruhe Arbeit Gehorsam Friede auch die Unrast, die Gier, die Ausgelassenheit, der Genuß in einem bis dahin undenkbaren Maße berechtigt sein wollen und Raum begehren. Akten aller Art zeigen uns, wie es dabei zugeht; sie zeigen auch die an diesem Treiben Beteiligten: Allen voran die Reisläufer Söldner Landsknechte mit ihren Dirnen; „Glück hilf“ heißts bei ihnen, wo beständiges Auf und Nieder ist, rascher Wechsel von Lust und Leid, und alle wilde Zuchtlosigkeit des Lager- und Landstreicherlebens. Aber auch Handwerksgesellen sind dabei und Meister, der Haupttaugenichts Adelberg Sorger der Kartenmaler und die leichtsinnigen Goldschmiede Eigen Öder, zumal Urs Graf, der Typus des diesem Leben widerstandslos hingegebenen Künstlers. Am kenntlichsten sind die Bürgerssöhne und jungen Kavaliere; wie die Anführer des ungestümen Lebens erscheinen sie: Hans Öuglin, Eucharius Stähelin, Hans Caramellis, Martin und Bonaventura Bär, Damian Irmi usw., eine Jugend, die in ununterbrochener Lustigkeit dahinlärmt, mit Festen Liebesabenteuern Tänzen, aber auch grobianisch und roh mit Prügeleien, mit verwüstendem Jagen, mit Unfläterei und Gewalttat.

Kneipe Badstube und Bordell sind durch dies Leben unaufhörlich erregt. Nie so häufig waren sie bisher genannt; jetzt schießt ihrer eine Fülle auf und damit eine Fülle der bewegtesten Szenen.

Die große obrigkeitliche Antwort auf dies Wesen ist die Stadtfriedensordnung von 1516, deren Anwendung uns dann durch zahllose Einträge

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 293. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/314&oldid=3403229 (Version vom 1.8.2018)