Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/347

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Die Pfarrei im Spital war seit Frühling 1518 besetzt mit Wolfgang Wissenburg aus Basel, dem Sohne des Ratsherrn Jacob Wissenburg von der Webernzunft. Wir vernehmen, daß er zu Beginn der 1520er Jahre „die Wahrheit des göttlichen evangelischen Wortes zu verkünden“ anfing und großen Zulauf hatte.

Wissenburgs Nachbar war der Predikant im Barfüßerkloster, Johann Lüthart von Luzern. Ein Volksredner, der als solcher auf einer Mendikantenkanzel, zudem in der größten Predigthalle der Stadt, am rechten Platze war. Auf Freunde wie Gegner machte er Eindruck durch die Raschheit seines Geistes und das Feuer seiner Beredtsamkeit. Wir wissen nicht, seit wann er dieses Amt des Klosters inne hatte. Erst jetzt tritt er ins Licht. Als begeisterter Verehrer Luthers und als ein Prediger, der Aufsehen erregte. Auch er legte das Matthäusevangelium aus.

Mitte Sommers 1521 wählte die Gemeinde St. Alban als ihren Pfarrer den Wilhelm Reublin von Rottenburg am Neckar. Vorerst auf die Dauer eines Jahres. Er begann sofort „aus der heiligen Schrift alten und neuen Testamentes zu predigen und sie in einer bisher ungewohnten Weise christlich und wohl auszulegen“.

Als Predikanten neuer Art sind auch die Leutpriester zweier Landgemeinden zu nennen: in Riehen der seit dem April 1519 an dieser Stelle nachweisliche Ambrosius Kettenacker von Winterthur; in Liestal Stephan Stör von Dießenhofen, der seit einem Jahrzehnt hier Pfarrer war.


Das sind Gestalten der Frühzeit. Aber neben ihnen greifen wir tiefer, so tief als möglich, und finden da erst das Wichtige, aus dem alle Bewegung kommt: das Erlebnis Einzelner, ihre geistige Gewißwerdung. Daß im Lesen der Bibel und lutherischer Schriften, im vertrauten Gespräch, in Briefen, im Anhören dieser Predigten etwas Neues sich regt, daß die Herzen erbeben in Seligkeit oder Zorn, — all das Verborgene und Persönliche muß vorangehen, ehe das Weitere geschehen kann und innerhalb des Kirchenkomplexes neue Formationen sich ankündigen. In diesen arbeitet der starke demokratische Geist, der überhaupt durch die Zeit geht, tönt der Anspruch des Laien, in religiösen Dingen frei urteilen zu können.

Schon frühe, wie wir wissen, haben die Basler Gemeinden aktiv am Pfarreileben teilgenommen. Diese Kraft ist jetzt überall am Werke. Zu St. Alban und St. Theodor haben die Gemeinden Reublin und Bertschi gewählt; beim Weggange Capitos sehen wir seine Gemeinde tumultuarisch erregt; die Gemeinde Lütharts ist an keinen Sprengel gebunden, sondern

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 326. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/347&oldid=3403261 (Version vom 1.8.2018)