Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/350

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nachdem der Rat versprochen hatte, den Reublin seiner Gemeinde zu lassen. Der Rat aber schloß sich einem Mandate des Bischofs an, das die vor kurzem den Predikanten erteilten Weisungen wiederholte. Außerdem befahl er der Einwohnerschaft, sich aller öffentlichen Diskussionen über Fastenordnung oder Evangelium zu enthalten.

Alles dieses Streiten Reden und Beraten, alle diese Ausbrüche der Macht wie der nach Freiheit verlangenden Überzeugung haben wir zusammengedrängt vor uns in der Spanne weniger heller heißer Junitage nach Pfingsten.

Und nun war es wieder Reublin, der kühn und unbeugsam das Äußerste wagte. Am Fronleichnamstage, 19. Juni, bei der größten kirchlichen Festfeier der Stadt, schritt er in der dichten Schar des Klerus und trug nicht, wie er sollte, Reliquien, sondern die Bibel, mit den Worten: „Das ist das rechte Heiltum, das Andre sind Totenbeine“.

Nach Allem was vorausgegangen mußte eine Gehorsamsverweigerung und Provokation dieser Art den Reublin hier unmöglich machen. Jetzt hatten seine Gegner gewonnenes Spiel, und der Rat wies ihn aus der Stadt. Es half nicht, daß zahlreiche Frauen aus der Gemeinde Reublins, manche unter ihnen hochschwanger, ins Rathaus drangen und von den Häuptern seine Hierbelassung forderten. Er mußte weichen. Noch vor Ende Junis verließ er Basel. An die erledigte Pfarrei wurde gewählt Peter Frauenberger (Gynoraeus) von Beinheim im Untern Elsaß.

In Zank und Unruhe ging Alles weiter. Aufhetzerische Reden wurden laut wider den Offizial und Andere. Im Münster kam es zu einer Schlägerei, weil einige Lutheraner den Prediger Lügner schalten. Einsteigen in Priesterhäuser und Herauszerren der Köchinnen, Bedrohung und Mißhandlung war auch früher oft verübt worden; jetzt trug es ernstere Züge. Die Klöster ihrerseits, schon wegen mancher Eingriffe in das Handwerk ein Ärgernis, wurden durch skandalöses Treiben von Klosterleuten blosgestellt; auch vernahm man vom Austritt Einzelner aus Klöstern.

Daß die Herrschaft lutherischer Ideen wuchs, war deutlich. Auch die Ratswahlen im Sommer 1522 zeigten dies; sie brachten Männer auf die Bänke, die wir später beim Siege der Reformation beteiligt sehen werden.

Auch allerhand Nachrichten, die herein kamen, und Besuche von Gleichgesinnten stärkten die Partei. Sie bezeugten die Mannigfaltigkeit, die weite Verbreitung, die Kraft des neuen Wesens. Aus Wittenberg erzählte Bürer den Basler Freunden, wie dort die Heiligenbilder verbrannt und die Altäre umgerissen, beim Abendmahle Brot und Wein gereicht worden seien, wie

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Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 329. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/350&oldid=3403265 (Version vom 1.8.2018)