Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/359

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Nichts für sich selbst zu begehren, nur der Sache Christi dienen zu wollen. Klug und jedes Wort überlegend erscheint er dem Pellican, jedem Anstoß ausweichend. „Aber wie weit ab ist er vom Geiste Luthers!“

In solche Stimmungen hinein kommt nun noch der lästige Besuch Huttens. Dazu sind die Personen, die sich auf den evangelischen Kanzeln in Basel vernehmen lassen, dem Erasmus widerlich; auch muß er hier Schmähungen des Hitzkopfs Hugwald hinnehmen und sich in Libellen herunterreißen lassen. Während von der andern Seite her Schreiben des Papstes Hadrian ihm Zuversicht geben und er auch das Bewußtsein haben kann, seit der Widmung der Matthäusparaphrase beim kaiserlichen Hofe rehabilitiert zu sein.

Noch immer hofft er, in seinem Glauben an die eine Menschheitsreligion, durch Vergleichung der sich entgegenstehenden Ansichten und Feststellung einer sie versöhnenden Gemeinsamkeit könne der Religionsstreit aus der Welt geschafft werden. Aber diese Hoffnung ist aussichtslos. Immer mehr kommt an die Oberfläche, was bis dahin zurückgetreten war: die Macht der großen prinzipiellen Differenzen, der nicht auszugleichende Gegensatz.

Erasmus sieht, daß eine Bewegung im Gange ist, die seiner nicht mehr bedarf, daß sie Worten gehorcht, zu denen er nicht stehen kann, und daß sie Zielen zugeht, die er verwirft. Ihr offen entgegenzutreten vermag er nicht; so geht er ihr aus dem Wege. Sich im Gedanken daran beruhigend, daß die alte Kirche ihm größere persönliche Freiheit lasse.

Das Lebendige in dem ganzen Verlauf ist, daß eine große geistige Macht, der Humanismus, eine noch tiefer in den Menschen hineingreifende Gewalt, die Reformation, neben sich muß aufkommen lassen. In der Zuversicht, auch kirchliche Reformer zu sein, gehen diese Erneuerer der Wissenschaft eine Zeit lang mit Luther zusammen. Bis er sie erkennen läßt, daß er ein Andrer ist als sie und andre Bahnen schreitet. Da verlassen sie ihn und werden wieder, was sie vordem gewesen, unter Verzicht auf reformatorische Illusionen.


Dem Ausscheiden der Humanisten folgt das Ausscheiden Luthers.

Seit Basel eine Geschichte hat, ist kein Erlebnis über die Stadt gekommen, dessen Wirkung mit derjenigen Luthers verglichen werden könnte. Wir würdigen freilich die allgemeine Disposition der Geister. In das Ganze der Zeit und der Entwickelung eingefügt erscheint die reformatorische Bewegung nicht als das Werk nur Luthers. Sie floß aus einer Macht, der

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Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 338. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/359&oldid=3403274 (Version vom 1.8.2018)