Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/378

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Seite geschieht, findet weit mehr als das Leben der Gegenpartei seine mächtige Resonanz im Zusammenhange mit universalen Existenzen und Vorgängen.

Von nun an Jahre lang wird uns der Kampf dieser Parteien beschäftigen. Er erhielt seine besondere Härte dadurch, daß altes und neues Leben sich so nahe beisammen zu behaupten hatten, innerhalb derselben Kirche, innerhalb desselben Klosters. Zustände waren möglich wie der im Barfüßerkloster, wo der seit dem August 1523 vom Guardianat entlassene Pellican sich sein Essen von Freunden mußte ins Kloster schicken lassen, um nicht durch Bruder Koch oder Kellermeister vergiftet zu werden. Auch an eine spezifische ganz persönliche Schärfung des Haders ist zu denken, an die dem Basler Ingenium eigene Gewohnheit gegenseitigen Bekrittelns und Herunterreißens; wenn damals hier gesagt wurde, daß die Basler nirgends frischer seien als über einander selbst, so galt dies auch für ihre Religionszwistigkeiten. Jedenfalls haben wir mit einer schmerzlichen Vernichtung bisherigen Daseins, mit der Zerreißung alter Verbände und enger Zusammengehörigkeiten, auch innerhalb von Familien, zu rechnen. Alles drängte zu Streit und Entscheidung. Es war zu viel der Differenzen, zu viel des Verlangens nach leidenschaftlichem Bekennen, allzuviel der Möglichkeiten von Provozieren und Wehetun.

Hauptmittel der Äußerung war allerseits die Predigt. Das Domkapitel, noch immer von dem stolzen Trotz erfüllt, mit dem es seit Jahrhunderten demselben Bürgertum widerstand, aus dessen Tiefen auch jetzt wieder die Revolution heraufkam; führte so auch die Verteidigung. Mit Bedacht rief es im Herbste 1524 auf seine Kanzel einen Mann, der die Art des überall aggressiven Priesters mit besonderer dominikanischer Schärfung verband, den Johann Burchardi aus Gebweiler; er hatte dem Nuntius Aleander bei der Verbrennung lutherischer Schriften in Mainz und Worms als unerschrockener Prediger trefflich gedient. In demselben Sinne gab das Peterskapitel seine Predikatur dem Leonhard Rebhan aus der Eichstätter Diözese. Und die Gemeinde Klein-Basel bekannte sich nach dem Weggange Bertschis im Jahre 1523 wieder zur alten Lehre durch die Wahl des Magisters Johannes an die Leutpriesterei.

Die Predigt war ein so stark gebrauchtes und zur Propaganda so dienliches Mittel, daß das damalige Basler Predigtwesen das Aussehen eines großen Predigtstreites hat. Es war lauter Rede und Gegenrede, Herausforderung und Widerspruch. Wenn der evangelische Chronist den

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Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 357. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/378&oldid=3403295 (Version vom 1.8.2018)