Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/381

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Ungeheuer wirkt dies Alles auf die Bevölkerung! Auf die Menge, von deren Wandelbarkeit und Lenkbarkeit die Reformatoren selbst reden. Keine Ruhe wird ihr mehr gelassen, und sie regt sich auf ihre Weise.

Wenn dabei Kapläne mißhandelt, Priester „Eselmelker“ gescholten werden, „deren Jedem man Schellen an die Ohren hängen sollte“; wenn die Domherren mit Spottgesängen und Nachtlärm heimgesucht werden, so erinnert dies an Früheres. Auch das Drama mit der Verhöhnung des bischöflichen Konsistoriums und vielleicht die „Phantaseien“, die Ulrich Hugwald an ein Kirchenportal heftet, mögen in diese Reihe gehören. Neu aber ist, was mit der vom Rate versuchten Disziplinierung der Predigten zusammenhängt. Am Johannistage 1524 kommt es auf dem Dominikanerkirchhofe zu einer Schlägerei, weil Damian Irmi und Andre nach der Predigt den Mönch, der sie gehalten, zur Rede stellen. Wir vernehmen auch sonst auf evangelischer Seite den Vorwurf, daß die päpstischen Predikanten sich nicht um das Mandat kümmern. Es muß im Juli 1524 durch den Rat erneuert werden. Da und dort ersteht schon offen die Rebellion. Der gemeine Mann fühlt sich im Stande, ein „Verächter aller christlichen Zeremonien“ zu sein. „Wozu Kerzen brennen am lichten Tage? wozu der eiserne Götze am Kreuze? die Mutter Gottes verehren ist Abgötterei; aber ihr liebes Kind das ist unser Gott, den sollen wir ehren. Wir Alle sind Priester, ein Jeder insonders.“ Das sind Reden des Bäckers Jacob Hurling, des Sporers Mathis Fritz und Andrer. Und den Worten entspricht die Praxis: in häufiger Mißachtung des Fastengesetzes, in Arbeiten zur Zeit des Meßamtes, im Unterlassen gestifteter Jahrzeitbräuche durch Kapläne usw. usw.

Wir beachten nicht nur die eine Seite. Auch die Hüter der alten Lehre und Kirchenform rühren sich. Mit neuer Besetzung alter Predikaturen, wie wir sahen, und mit andern Mitteln. Eine Reaktion ist wach und wächst, die weit mehr bedeutet als organisiertes Handeln im Großen, die auch dem Gesinntsein des Einzelnen beizukommen sucht. Wir sehen äußerliche Maßregeln; aber hinter ihnen glühen überall Bekenntnis Leidenschaft Unerbittlichkeit. Es bleibt nicht bei Kanzelstreit, Schmähung des Gegners, Bestrafung heiratender Priester u. dgl. Wie Großes noch zurückgewonnen werden kann, zeigt die Umkehr der Theodorsgemeinde, die ihren Leutpriester Bertschi ziehen läßt und an seine Stelle den altgläubigen Johannes wählt. Auch zu einem Märtyrer kommen schon die Evangelischen. Meister Sigmund der Steinschneider, den wir als Gastgeber beim Fastenbruch am Palmsonntag 1522 kennen gelernt haben, wird am 9. Februar 1523 in Ensisheim wegen Aufruhrs sowie Schmähung der Jungfrau Maria unter Qualen hingerichtet.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 360. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/381&oldid=3403299 (Version vom 1.8.2018)