Seite:Wackernagel Geschichte der Stadt Basel Band 3.pdf/458

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Gleichgültigkeit. Er ruft nur dem Enthusiasmus oder dem Hasse. Die ganze Paracelsuszeit Basels, die im Frühling 1527 beginnt, im Februar 1528 endet, ist Sturmzeit.

Schon das äußere Gebahren des Mannes befremdet Viele. Wie er die Standestracht des Arztes mit dem roten Barette zu tragen verschmäht, auch sonst nichts Feierliches an sich hat, so hält er Gewohnheiten seines langen Wanderlebens überhaupt fest. Wie lobpreist er dieses Wandern : „ein Arzt soll ein Landfahrer sein, die Kunst gehet Keinem nach, aber ihr muß nachgegangen werden; Wandern gibt mehr Verstand als hinterm Ofen Sitzen, usw.“. Und so empfindet er Ungebundenheit als die zum Wirken großer Dinge nötige Freiheit. Er mag daher in seinem Auftreten etwa für einen Fuhrmann gehalten werden, in Wirklichkeit ist er lauter Geist. Von kleinem und zart gebautem Körper, mit einer dünnen Stimme. Ein Arbeiter ohne Maß, der die Kleider nie ablegt und sich kaum den Schlaf gönnt; mit gespornten Stiefeln kurze Zeit aufs Bett hingeworfen, springt er plötzlich auf wie von Dämonen gejagt und beginnt wieder zu schreiben.

Als Erneuerer der Medizin tritt Paracelsus auf. Schon das Deutsch seiner Lektionen ist Verletzung ernsten und geheiligten Brauches, kann Dem und Jenem als Profanierung der Wissenschaft erscheinen. Trotzig und leidenschaftlich verkündet er seine Lehre, die nicht im abstrakt wissenschaftlichen Gebiete bleibt, vielmehr an Gesundheit und Leben selbst geht. Die der Bücherweisheit absagt und über literarische Autoritäten hinweg wieder eine aus der Natur selbst geholte Erkenntnis verlangt. „Die Arznei steht auf der Natur, ja die Natur selbst ist die Arznei, und darum suche man letztere auch in der Natur. Selig Arzt und Naturforscher, die in den Büchern, die Gott selbst geschrieben, wandeln.“ Auch Paracelsus arbeitet für eine Wiedergeburt, für diejenige der ärztlichen Lehre und Kunst. Den Gelehrten der Fakultät gegenüber, die kein Abweichen von den pathologischen und therapeutischen Regeln der Galen usw. zugeben wollen, stellt er ein Großes und Allmächtiges gegenüber: die Erfahrung. „Erfahrung täuscht niemals. Sie ist die größte Lehrmeisterin. Die Augen, die an der Erfahrenheit ihre Lust haben, sind die wahren Professoren. Was not tut, ist Experientz, nicht, die großen Schwaderlappen der alten Skribenten zu lesen.“ Es ist die Erfahrung, die Paracelsus am Krankenbett, in der chemischen Küche, auf der weiten Erde gewonnen hat und stets neu gewinnt. Beobachtung und Experiment sind seine Forderungen.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 437. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/458&oldid=3403383 (Version vom 1.8.2018)