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Liste.png William Shakespeare: Othello, der Mohr von Venedig. Übersetzt von Christoph Martin Wieland, Shakespear Theatralische Werke VII.

Vierzehnte Scene.

Jago (allein.)

Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die gutherzige Desdemona zu bewegen, daß sie irgend eine erlaubte Bitte begünstige; sie ist von einer so überfliessend-wohlthätigen Natur wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist für sie wiederum nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, wär’ es auch seinem Taufbund zu entsagen, so gänzlich ist seine Seele in ihrer Liebe verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit seiner Schwäche zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten führt? Beym Abgott der Hölle! wenn Teufel ihre schwärzeste Sünden ausüben wollen, so täuschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten – – So mach’ ichs würklich auch. Denn indeß daß dieser ehrliche Thor sich Desdemonen zu Füssen wirft, um sein Glük wieder herzustellen, und sie alle ihre Macht über den Mohren zu Cassio’s Vortheil anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen, daß sie ihn nur zu Büssung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten wünsche; und je eyfriger sie sich bemühen wird, ihm Gutes zu thun, je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren.

Empfohlene Zitierweise:
William Shakespeare: Othello, der Mohr von Venedig. Übersetzt von Christoph Martin Wieland, Shakespear Theatralische Werke VII.. Orell, Geßner & Comp., Zürich 1766, Seite 262. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wieland_Shakespear_Theatralische_Werke_VII.djvu/262&oldid=- (Version vom 1.8.2018)