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Liste.png Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

lautet, doch ungefähr in folgender Weise übersetzen: „Wir haben mancherlei Gaben, nach der Gnade die uns gegeben ist, sei es nun Weißagung, nach des Glaubens Aehnlichkeit, sei es ein Amt, im Amte, sei es der Lehrende, in der Lehre, sei’s der Vermahnende, in der Vermahnung, der da mitteilt, in Einfalt, der da vorsteht, im Eifer, der Barmherzigkeit übt, in Heiterkeit.“ Bei dieser wörtlichen Uebersetzung tritt allerdings ein Doppeltes hervor, nemlich einerseits der enge Zusammenhang der ersten Verse unseres Textes mit den letzten der vorigen Epistel, aber freilich auch ein zweites, nemlich die Schwierigkeit der Auslegung im Einzelnen. Diese Schwierigkeit hat M. Luther dadurch heben wollen, daß er jedes einzelne Satzglied zu einem Satze machte, den sechsten Vers abschloß, und dann je nach der Einsicht, die er hatte, die einzelnen Satzglieder auslegend übersetzte. „Hat jemand Weißagung,“ übersetzt er, „so sei sie dem Glauben ähnlich. Hat jemand ein Amt, so warte er des Amtes; lehret jemand, so warte er der Lehre. Ermahnet jemand, so warte er des Ermahnens. Gibt jemand, so gebe er einfältiglich. Regiert jemand, so sei er sorgfältig. Uebt jemand Barmherzigkeit, so thue er’s mit Lust.“ Da ist freilich jedes einzelne Satzglied dem Sinne nach verständlich und deutlich; was jedoch deutlich und verständlich ist, ist Luthers Sinn und Uebersetzung, aber mehr als St. Pauli Wort. Jedenfalls haben wir die Weißagung, die Aemter der Kirche und deren Uebung in der Lehre und Vermahnung, die Austeilung der Kirchenschätze und Opfer, das Amt des Vorstehers und die Uebung der Barmherzigkeit als Gaben zu faßen, so wie die richtige Ausübung und Anwendung der Gabe und die dazu gehörigen Tugenden und Kräfte als neue Gaben. Der Apostel sagt, wir hätten mancherlei Gnadengaben, die nach der uns gegebenen Gnade verschieden seien. Wir hätten Weißagung, nach des Glaubens Aehnlichkeit; da benennt er die Weißagung als eine Gnadengabe, dazu aber auch die richtige Führung der Gabe, daß alles, was geweißagt wird, dem bereits vorhandenen von Gott geoffenbarten Glauben entspreche, als eine mit der Weißagung verbundene Schwestergabe. St. Paulus benennt ferner die Gemeindeämter als Gaben; wenn er aber sagt: „Wir haben verschiedene Gaben, sei es ein Amt, im Amte,“ so scheint er mit dem Zusatz „im Amte“ nichts andres zu wollen, als die Ausübung des Berufes vom Berufe selber zu scheiden, so daß das Amt eine Gabe ist und die treue Führung desselben die zu ihm gehörige Schwestergabe. Wenn der Apostel fortfährt: „Sei es der Lehrende, in der Lehre, sei es der Ermahnende, in der Ermahnung,“ so erscheint auch hier immer ein Gabenpaar, die Gabe oder das Vermögen zu lehren, zu vermahnen, als erste, und die treue Uebung der Lehre und der Vermahnung als zweite Gabe. Stärker noch tritt die Zusammenpaarung der Gaben in den drei folgenden Satzgliedern hervor: „Der da mitteilt, in Einfalt, der davorsteht, in Eifer, der Barmherzigkeit übt, in Heiterkeit.“ Wenn also einer die Gabe hat, die Opfer und Schätze der Kirche richtig auszuteilen, so will ihm der HErr als nötige Schwestergabe die Einfalt schenken; hat einer die Gabe, ein Aufsichtsamt zu führen, so verleiht ihm der HErr als zweite Gabe den Eifer, so wie Er dem, der gerne Barmherzigkeit übt, als Schwestergabe die Freundlichkeit und Heiterkeit schenkt, durch welche dem Elenden und Unglücklichen die erzeigte Barmherzigkeit zu einer doppelten Hilfe wird. Es erscheint uns also ein Gabenpaar nach dem andern, wiewol das letzte, Barmherzigkeit und Heiterkeit, dem Inhalte nach mehr zum zweiten Teil zu gehören scheint, in welchem die Gaben und Tugenden des Gemeindelebens aufgezählt werden.

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 Bei diesen Gaben und Gabenpaaren, meine lieben Brüder, dürfen wir wol zuerst darauf aufmerksam machen, daß keine Gemeinde die hier genannten ersten Gaben entbehren kann, wenn sie recht geweidet und geleitet werden soll. Diese meine Bemerkung kann einiges Befremden erregen und das Mistrauen wecken, ob ich vielleicht zu der Gemeinschaft der Irvingianer gehöre, welche das Heil der Gemeinden hauptsächlich in der Wiederkehr der ersten Aemter und Gaben suchen, insonderheit die Notwendigkeit der Weißagung behaupten, und sich derselben in ihrer Gemeinschaft rühmen. Allein, meine Brüder, dieses Mistrauen könnt ihr fallen laßen, und aller Besorgnis müßig gehen. Ich sehe zwar deutlich, daß die Gemeinschaft der Irvingianer Männer zu den ihren zählt, die ausgezeichnete Einsicht in Gottes heiliges Wort und große Tugend im Leben besitzen; aber gerade ihr Dringen auf ein immerwährendes Apostolat kann ich nicht für schriftmäßig erkennen, und das, was sie als Fortsetzung der

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1858, Seite 099. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Epistel-Postille.pdf/106&oldid=- (Version vom 1.8.2018)