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Liste.png Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

segnet und fluchet nicht.“ Und was mehr ist, weit mehr ist als das Hören, er befolgt sie und steht, ein Schauspiel Gottes und Seiner Engel, leidend, gefoltert, blutend mit einem lieblichen, freundlichen, betenden Priesterherzen gegen die, welche ihm so wehe thun. Zeig mir in aller Welt, in der Geschichte der Römer, Griechen und aller Heiden, zeig mir, wenn du kannst, bei denen die nichts haben als ihre eigne Kraft, die von Geist und Gabe Gottes nichts wißen, ein Benehmen, dem gleich, das der Apostel bis hieher geschildert hat, das einem herrlichen Gewächse gleicht, welches an bewundernswürdigen Blättern und Aesten vor deinen Augen hinansteigt zu immer lieblicherer Schönheit, bis sich oben in der Blüthe der Opferrauch des Duftes, und das Wunder des süßen Geruchs erhebt. – Ganz in der Verfolgung und ihrem Leiden ist der Christ begriffen, von dem der Text spricht. Ach wie schwer gehts der Braut des ewigen Bräutigams auf Erden; sie weint blutige Thränen und der Bräutigam kann zusehen, sitzt wie ein Schmelzer, leidet mit, schweigt aber, und wendet die Not nicht, – der Bräutigam von unbegreiflicher Liebe. Wär’ es denn ein Wunder, wenn darüber den Leidenden auf Erden alle Empfänglichkeit für Freude vergienge, wenn alle ihre Nerven nur für Schmerzen und Leiden empfänglich würden? Nein, das wäre kein Wunder; dagegen ist aber das ein großes Wunder, daß das Gegenteil geschieht, daß die Herzen, wie sie nicht stumpf werden in der Liebe zu den Verfolgern, auch nicht stumpf werden für Freuden und für das Mitgefühl mit denen, die sich freuen. Es ist nicht blos ein Befehl, eine Zumuthung, nein, es liegt die Weißagung einer himmlischen und wunderbaren Gabe darinnen, wenn der Apostel in die Gemeinden ruft: „Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden.“ Es gibt ja doch auch in böser Zeit noch hie und da Freudenblumen zu pflücken, wer sie nur findet; auch in der Verfolgungszeit gibts hie und da noch still verborgnes Glück der Leiber und Seelen, unter scharfen Dornen süße Rosen. Da hebt die Blume auf, wer sie findet und freut sich, und mit ihm freut sich, der unter Dornen weh und weinend geht, und umgekehrt weint der glückliche Blumenfinder mit dem armen seufzenden Dornentreter, daß Freud und Leid das Christenleben bilden, wie Finsternis und Licht den Tag. So wird immer schöner, rührender, majestätischer das Bild des Christenlebens in unserm Texte, bis im sechszehnten Vers die Vollendung hinzugethan wird.

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 So sind sie alle, spricht die elende Welt, wenn hie und da einmal ein Christ fehlt und sündigt. Sie spricht damit nur ihres Herzens Wunsch aus, aber keine Wahrheit. Einen ganz andern Wunsch aber hat der Apostel im Herzen, ganz etwas andres verlangt er von allen. „Habt einerlei Sinn unter einander“ spricht er, oder: denkt alle dasselbe gegen einander. Dasselbe, nemlich was bereits gelehrt, gesagt, gedeutet ist, und nachgewiesen im Verhalten. Die Glieder der Heerde, die in Gemeinden gesammelt, aber gemeindeweise über die ganze Welt hin zerstreut sind, haben Einen Sinn gegen einander; so wie der Apostel lehrt, denkt der Christ in Island und in Neuholland, es ist Eine heilige Liebe, Ein heiliger Sinn der gliedlichen Gemeinschaft unter allen. – Sie wißen wol auch aus dem Leben ihres alten Adams her und durch ihres Fleisches und des Teufels Belehrung, was hoch ist und für groß geachtet nach der Menschen Sinn, und was klein, niedrig und gering geachtet ist. Ihr auch noch eitles Herz wird davon angezogen und abgestoßen; der böse Narr im Herzen lädt sie ein, sich vor Menschenhöhen zu neigen, und was gering und klein ist, zu verachten. Aber es ist ein andrer Geist, der sie treibt, und ein andrer Wind, der ihre Segel füllt. Es wird verleugnet die Reizung des alten Narren in der Seele, und mit Freuden aufgenommen der Zuruf des treuen Apostels: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen,“ oder wie St. Paulus mit unnachahmlichem Ausdruck sagt: „Denkt nicht das Hohe, sondern laßt euch mit dahin nehmen vom Niedrigen“. Da wird umgekehrt der ganze Sinn, was hoch ist in der Welt und für groß gilt bei den Ihrigen, das erscheint klein und gering, und zieht nicht an, und was sonst gar keine Anziehungskraft ausübt, das kleine, niedrige, geringe, das wird erwählt. Da werden sie arm die Reichen, und gering die Vornehmen, und bedürfnislos die Verwöhnten, Bedürfnisvollen; da sitzen sie nieder die in der Könige Häuser wohnen und in weichen Kleidern gehen, bei den Kranken, Bettlern und Armen, da geben sie die weichen Kleider den Bettlern, und machen am Altare

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1858, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Epistel-Postille.pdf/113&oldid=- (Version vom 1.8.2018)