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Liste.png Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

mächtiger angreifen, als man thut. Wäre die angeborne Trägheit nicht, hienge sie sich nicht an unsre Füße bis an’s Grab, könnten wir ihre Bleigewichte von uns werfen: es stünde alles anders. Diese faule, todte, nächtliche Königin, diese betrübte Herrscherin, die mit Centnersteinen alle unsre Kräfte niederzieht und unsern Geist, der ein Vogel ist, nicht auffahren läßt in die ewigen Höhen: die ist es, welche das Machtwort der Apostel und ihres Christus verhöhnt und das Reich des Teufels und aller finstern Werke hütet. Was kümmert sich diese Königin darum, daß die Nacht vergangen ist, der Morgen weht, der Tag herbei kommt, und das Heil der Wiederkunft Christi näher rückt! Sie, die Trägheit, hemmt den Gang derer, die da leben, legt sich über die Krankenbetten der Kranken und über die Sterbelager der Sterbenden und gönnt keiner Seele Erhebung und Flug zu der ewigen Heimath. Ihr fürchterliches düstres Reich lacht aller Arbeit, ruht schwer und sicher über den Landen und Herzen, bis der HErr kommt, der sie in den Abgrund versenken und sie ewiglich überwältigen wird.

 Ach meine Trägheit, meine Schmach! Ach, eure Trägheit, eure Ketten! Ach das Geheimnis so langer Sündenknechtschaft, diese Trägheit! Ach, dieser Grabstein ohne gleichen, der keine Auferstehung zuläßt! Ach und weh über unsre Trägheit, wehe im alten, wehe im neuen Kirchenjahr! Brüder, lieben Brüder, liebe Schwestern, es ist schrecklich mit der Macht der Trägheit, es ist alles wahr, was ich gesagt habe. Aber der HErr will ja doch nicht, daß wir in Trägheit untergehen. Es gibt ja doch eine Möglichkeit, von ihrer Last und Wucht frei zu werden, und sich unter ihrem Drucke hervorzuarbeiten. Wir sind doch getauft, dazu gespeist mit Gottes Wort und Leib und Blut. Es ist doch ein göttliches Leben in uns, ja es ist Christus in uns, und wenn wir uns dessen erinnern, dessen bewußt werden, und in der Angst unsrer niedergedrückten, schwerbeladnen Seele dies Leben und unsern HErrn Christus anziehen, mit Gebet und Flehen nach Seiner Aehnlichkeit ringen, so wird und muß ja doch geschehen, was geschrieben steht: „Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe.“ Es müßen sich doch unsre Kräfte mehren, wenn unser neuer Wille Gottes dargebotne Kräfte anzieht. Es muß ja doch ein Genesen, ein Leben möglich sein für die Kinder des Lebens, denen Gott mit Wort und Sacrament nachgeht. Er höhnt mit dem Antrag Seiner Hülfe und Seiner Gnade die armen Seelen nicht. Nein, nein, Er hilft, Er ist der Helfer vor den Thüren, von dem man am Advent ruft und singt: „O sehet auf, ihr habet die Hülfe, vor der Thür.“ Trägheit ist Tod und Christus ist doch das Leben. Der Tod ist furchtbar mächtig, aber allmächtig bist Du, HErr, und der Du in uns die Sehnsucht, das Verlangen eines neuen Lebens und seliger Benützung unsrer Zeit gewirkt hast. Du kannst und willst auch das Vollbringen geben. Heiliger HErre Gott, heiliger starker Gott, heiliger allmächtiger Heiland, Du ewiger Gott, laß uns nicht versinken – in der schweren Noth der Trägheit, sondern laß in uns Dein Leben siegen! Amen.


Am zweiten Sonntage des Advents.

Römer 15, 4–13.
4. Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir, durch Geduld und Trost der Schrift, Hoffnung haben. 5. Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einerlei gesinnet seid unter einander, nach Jesu Christo; 6. Auf daß ihr einmüthiglich mit Einem Munde lobet Gott und den Vater unsers HErrn Jesu Christi. 7. Darum nehmet euch unter einander auf, gleichwie euch Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe. 8. Ich sage aber, daß Jesus Christus sei ein Diener gewesen der Beschneidung, um der Wahrheit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißung, den Vätern geschehen. 9. Daß
Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1858, Seite 010. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Epistel-Postille.pdf/17&oldid=- (Version vom 1.8.2018)