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Liste.png Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

und diese Geduld ist es, in welcher man dem HErrn Christo entgegengehen soll.

 Diese Geduld ist nicht eine träge Ruhe, nein, sie trägt, sie duldet, sie arbeitet, sie hat ihr Ziel; sie weiß, was sie soll, und das will sie, und zwar mit solchem Ernst und Eifer, daß sie das Angesicht des kommenden Christus scheut und sich vor Ihm fürchten würde, wenn sie von ihrem Werke abließe eher, als sie muß, eher, als die Nacht kommt, da niemand wirken kann, oder der Tag, der alles Wesen dieser Welt zu Ende bringt und eine andre Weltzeit beginnt. – Auch wir haben allerlei Gegensätze unter uns; auch unter uns gibt es Schwache und Starke; ja wir haben noch eine dritte heuchlerische und gleißnerische Partei, die weder schwach noch stark ist, aber wol weltlich und frech genug, sich ihre Fleischesfreiheit zur christlichen Freiheit und Stärke umzudeuten. Wahrlich, da gilt es dulden und sich gedulden zur Rechten und zur Linken, beten und arbeiten und nicht müde werden, bis entweder der Zweck erreicht, oder doch die Arbeit zu Ende ist; bis die verschiedenen Parteien zu einer werden, oder der Widerstand der Bösen sie aus den Pforten der Kirche hinausgeführt hat, oder wir von der thränenreichen betrübten Arbeit, die Widerstrebenden zu Christo einzusammeln, durch den Tod entbunden sind! Brüder, die wir von Gott ermahnt sind, heilige Hände ohne Zorn und Zweifel an allen Orten aufzuheben, laßt uns allenthalben Gott anrufen, daß wir aus dem Muth und Werk der Geduld nicht entfallen. Laßt uns doch keinen aufgeben, so lange es Tag heißt, laßt uns einander nicht aufgeben, uns nicht zur Verachtung des Bruders wenden, nicht zu der verdammten Gesinnung, die andern ihr grimmiges Racha und Narr zuruft. In aufrichtiger treuer Liebe laßt uns an einander arbeiten, ob wir vielleicht doch noch einmüthig werden, um einhellig den Gott und Vater unsres HErrn JEsu Christi zu preisen.


II.

 Was der heilige Paulus unter der Geduld versteht, von der er redet, wird dem aufmerksamen Leser nun klar sein. Noch aber wird er vielleicht nicht begreifen, warum ich Eingangs behauptet habe, es singe diese Epistel eine süße Melodie mitten in die donnernden Ereignisse des Evangeliums hinein, sie handle in der lieblichsten Weise von der Hoffnung. Doch wird auch das begriffen werden, wenn der Leser noch eine kleine Aufmerksamkeit zu schenken willig ist. –

 Es ist richtig, meine lieben Brüder, daß die Welt durch Feuer untergehen wird und daß diesem furchtbaren Ende der Welt schreckliche Dinge vorausgehen werden, wie sie im heutigen Evangelium und noch weitläufiger in der Offenbarung Johannis gelesen werden können. Aber dieselbige heilige Schrift, die uns so furchtbare Beschreibungen vom Ende liefert, beschreibt uns dies Ende auch mit lieblichen Zügen. Es kommt ja der Weltbrand nicht eher, als bis der Zweck der Welt erreicht ist. Gottes Absichten zur Seligkeit des Menschen müßen in Erfüllung gehen, sein Werk kann niemand hindern, sein Arbeit darf nicht ruhn, wenn er, was seinen Kindern ersprießlich ist, will thun. Der Zweck der Welt aber ist kein anderer, als die Sammlung der heiligen Kirche, die Erziehung und Bereitung der Braut JEsu Christi für die ewige Hochzeitfreude, und daher beschreibt uns auch die heilige Schrift das Ende unter dem lieblichen Bilde der beginnenden Hochzeit des Lammes. Können wir aber glauben, daß die Schrift ein Bild ohne Ursach brauche, ein Wort ohne Wahrheit? Wäre es möglich, daß von einer Hochzeit die Rede wäre, wenn auch die Kirche mit in den allgemeinen Strudel des Untergangs und des Verderbens gezogen würde? Und ist das nicht eine süße Melodie, die sich mitten unter dem Donner vom Weltuntergange kenntlich klar und deutlich vernehmen läßt für alle, die es angeht, wenn von der seligen Vereinigung Christi mit Seiner Braut für alle Ewigkeit gepredigt wird? Das geschieht aber in unsrem Texte, der, von der Bereitung der Braut und von dem seligen Gelingen dieses Geschäftes herrliche Reden führt.

 Vor der Sintfluth war erst alles einig. Dann schied sich das Geschlecht der Kainiten von dem der Patriarchen, bis die Kainiten den Sieg gewannen in so fern, als die Mehrzahl des menschlichen Geschlechtes von ihrem bösen Geiste durchdrungen wurde. Nach der Sintfluth war schnell wieder alle Welt im Bösen einig, der HErr aber richtete eine Trennung an, erweckte und erzog den Samen Abrahams zum zahllosen Volke, während er alle Heiden ihre Wege gehen ließ. Diese giengen alle den Weg des Verderbens, während das Volk Gottes durch die starke Hand des HErrn den Weg des Friedens geführt wurde. Trennung

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Epistel-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1858, Seite 014. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Epistel-Postille.pdf/21&oldid=- (Version vom 1.8.2018)