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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

wird zutreffen. Was ewig, ja sogar was nur zeitlich zusammengehörte, wird sich dort kennen. Die sich nie gesehen, geschweige die sich hier gesehen und gekannt, werden sich dort beim ersten Anblick erkennen und miteinander bekannt sein. − Ich möchte gerne der sichern Spur nachgehen, die wir gefunden, und von der Gemeinschaft der erlösten Seelen im Himmel mehr, wozu uns dieser Theil unseres Textes Anlaß geben könnte, mit euch sprechen. Ungern trenne ich mich von der süßen Aussicht in die Ewigkeit; und doch dringt mich beides, der Fortschritt meines Textes, und die Sorge für den Eingang unsrer Seelen zur ewigen Stadt, lieber auf das zu horchen, was Moses und Elias auf Tabor mit Christus sprechen.

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 Als einst der HErr mit zweien Engeln zu Abraham auf Besuch kam und ihm und Sarah die Verheißung von Isaak gab, da konnte man ein köstliches Gespräch Gottes mit den Menschen hören, und überaus menschlich und leutselig erschien unser HErr. Aber als der HErr in Klarheit unter den himmlischen Boten stand und vor den Ohren noch sterblicher Menschen von dem gnädigen Rathschluß Seines Vaters sprach: da gab es Größeres zu hören, überaus göttlich erschien da der Mensch JEsus Christus, und dennoch auch überaus menschenfreundlich, barmherzig, gnädig der große Gott und Heiland JEsus Christus. Denn was sprachen die Boten mit Ihm und Er mit ihnen? Was ist die Botschaft der Himmlischen, und was der Gruß des Vaters an den Sohn? Warum kommen diese Seligen aus den Reihen der himmlischen Lobsänger auf Tabor herunter? Erlösung ist des Vaters Gruß, Erlösung des menschlichen Geschlechtes, − oder was ganz eins ist, JEsu Ausgang zu Jerusalem, JEsu Leiden, Sterben, Auferstehen, das ist der Gegenstand der himmlischen Gespräche. Wunderbar! In der Stunde der seligsten Verklärung sprechen sie von der tiefen Erniedrigung des Todes, von der dunkeln Nacht, die am Charfreitagsmittag Den umhüllen soll, der jetzt mit Seinem Glanze die Nacht zum hellen Tag verklärt. Ist das ein Gespräch für diese Stunde? fragst du. Du siehst wohl, ja, sonst würde es nicht geführt. Paßte doch der Gedanke der Erlösung durch den Tod des Hochgelobten auch in den Rath der seligen Dreieinigkeit! Ist er doch aus dem Schooße der ewigen Freude entsprungen! Das begreifen wir nicht, aber wir beten dafür an, wir danken dafür mit unaussprechlichen Seufzen, das der Geist vor Gottes Throne deuten möge! − Wie nur den Jüngern bei dem Anschauen und bei diesem Zuhören zu Muthe gewesen sein mag? Wir können nicht drüber urtheilen; wir haben keine Erfahrung von dem gewaltigen, hinreißenden, entzückenden Einfluß eines himmlischen Gesichtes und eines Gespräches, von unsterblichen Lippen über unsre Erlösung gesprochen. Aber wie vertieft in Schauen und Hören sie waren, die drei seligen Seher und Hörer, das geht denn doch deutlich aus dem Texte hervor. Nachdem die himmlischen Boten ihr Gespräch mit Christo vollendet hatten, geschah es, wie St. Lucas berichtet, daß sie von JEsu zur Seite „wichen“. Das sehend brach Petrus in die Worte aus, die wir schon kennen: „HErr, hier ist gut sein; willst Du, so wollen wir hier drei Hütten machen, Dir eine, Mosi eine und Elia eine.“ Wie wenn er das Auseinandergehen der heiligen Versammlung hätte verhindern, wie wenn er diesen Himmel auf Erden hätte festhalten wollen! Zwar war Petrus seiner nicht mächtig, als er das sagte; er war „bestürzt“ und außer sich und „wußte nicht, was er redete“; hinweggehoben aus dem gewöhnlichen, irdischen Dasein, im Zustande der Entzückung vermochte er nicht, zu erwägen, wie wenig sein wonniges Verlangen den Umständen gemäß, wie unstatthaft es war, wie ganz andere und schmerzliche Dinge bevorstanden. Aber ist nicht dennoch, das Wohlgefallen an der himmlischen Genoßenschaft und das laute, fast ungestüme Verlangen, sie festzuhalten, wunderbar, und ein Beweis göttlicher Wirkung in ihm? Sonst pflegt der Mensch vor jedem Hereinragen einer andern Welt in die hiesige zu verwelken und vergehen; hier ist davon nichts zu merken; nicht befremdend, sondern heimathlich wohlthuend wirkt das himmlische Gesicht auf die Jünger, und ob sie schon ein Zittern und Entsetzen befallen hat, ist doch ihre Wonne nicht geringer. Es ist dieser Zustand mangelhaft; es fehlt ihm an Klarheit, Ruhe, Harmonie; der überraschende Anblick, den sie genoßen, dauerte ja noch an, und so lange er andauerte, konnte das gewaltige Emporheben aller ihrer Kräfte nicht alsbald wieder in das stille Geleise sich fügen, in dem sonst ihr Herz und Sinn einherfuhr. Es ist auch nicht der höchste Zustand, den es gibt, nicht das Ziel der letzten unserer Wünsche: die göttliche Ruhe der erlösten Seelen, die das Angesicht JEsu schauen, das

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 102. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/113&oldid=- (Version vom 11.5.2018)