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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Petrus und seine beiden Genoßen „Augenzeugen“ der göttlichen Größe und Würde JEsu nennen können.

 Sieh hin! Zu JEsu Rechten und Linken stehen die Fürsten des alten Testamentes, zu Seinen Füßen liegen, hingerißen in das Anschauen Seiner Herrlichkeit, die Fürsten des neuen Testaments, und Er selbst ist der Mittel- und Sammelpunkt beider. Beide Testamente, die alte und die neue Zeit berühren sich in Ihm, dem König der Zeiten und Testamente Gottes. Vor Ihm neigt sich der Gesetzgeber Moses, denn hier ist des Gesetzes Ende. Vor Ihm betet der Eiferer für das Gesetz des HErrn, der Prophet Elias, denn hier ist Der, welcher alle Gebote erfüllt, von welchem zugleich das stille, sanfte Sausen kommt, welches das Eis der Seelen schmilzt, und in ihnen den Frühling eines neuen Lebens und himmlischer Gerechtigkeit hervorbringt. Vor Ihm beugen mit Mose und Elia alle andern Propheten das Knie, denn Er ist Amen und alle Gottesverheißungen sind ja und amen in Ihm. Vor Ihm verschwindet der gesammte Glanz des alten Testamentes; durch Ihn werden alle Kinder Mosis und der Propheten zu Kindern des neuen Bundes verklärt; in Ihm wird Eins aus zweien, aus dem alten und dem neuen Bunde; zu Ihm sammeln sich die erwählten Seelen aller Zungen und Völker. Schon siehst du hier die drei Zeugen Petrus, Jacobus, Johannes: sie werden bereits des Trostes voll, des Friedens und der Freude, welche über alle Völker kommen sollen. Sie beten freudenvoll an, als die Erstlinge der Millionen, welche von ihnen und durch ihr Wort seit achtzehn hundert Jahren zu dem seligen Anschauen im Himmel gekommen sind und bis ans Ende der Welt noch kommen werden.

 Und vergiß nicht: von wannen kommen die beiden hehren Gestalten zu Ihm, welche bei Ihm stehen? Mose und Elia sind nicht mehr sterbliche Menschen, sondern himmlische Boten, heruntergekommen aus der heiligen Stadt auf dem himmlischen Berge Zion. Es sind Fürsten der Ewigkeit, die bei Ihm stehen: aus ihrer ehrfurchtsvollen Gebärde kannst du erkennen, wie der ganze Himmel, die ganze Versammlung aller Geister und vollkommenen Gerechten zu Ihm stehen, von Ihm denken. Aus dem Inhalt ihres Gespräches kannst du abnehmen, wovon der ganze Himmel wiederhallt. Ihn, den Menschensohn, beten alle Seligen an, − und im Himmel wie auf Tabor ist der Ausgang JEsu, Sein Golgatha, Sein Kreuz, Sein Grab, Sein Auferstehen Gegenstand aller Gespräche, aller Lieder, aller Lob- und Dankgesänge. Tabor ist des Himmels offene Pforte: wie auf Tabor war es im Himmel: ist es noch. Noch ist ER, Seine Leiden und Sein Sterben, was sie gewesen, − eine Ursache der ewigen Seligkeit für alle die zu Gott gekommen sind und kommen. Dort nimmt man treuer wahr, hält man fester in Erinnerung, genießt und preist man inniger, was ewig selig macht, und wer sich im Himmel rühmen will, der rühmt sich noch heutiges Tages des Kreuzes unsers HErrn JEsu Christi, des Königs der Ehren.

 Wenn aber das alles nicht hinreicht, zu beweisen, daß auf Tabor aus JEsu Angesicht Gotteslicht und Gottesmajestät geleuchtet hat; so spreche aus Seiner heiligen Höhe der Vater selber und gebe Zeugnis, Preis und Ehre Seinem Eingeborenen, auf daß vor Ihm stille werde alle Welt! Das verständliche, deutliche, gewaltige Wort aus der Wolke wird doch Beweiskraft genug in sich haben, um auch uns in den Staub und aufs Angesicht hinzustrecken, wie die drei Apostel, auf daß auch wir den Sohn ehren, gleichwie wir den Vater ehren, und uns nicht selbst zu unserem ewigen Unheil von der Anbetung aller Creaturen und dem Beifall ausschließen, den alle Wesen JEsu Christo bringen. Aus den Wolken, den lichten, wunder- und schreckenvollen Wolken der Gegenwart Gottes auf Tabor redet es keine „klugen Fabeln“; dortherunter kommen Worte, die allem Streit ein Ende und es uns über alle Schwüre gewis machen, daß der am Kreuz auf Golgatha, unser Erlöser, allezeit, Er sei verklärt oder erniedrigt, der anbetungswürdige Gottessohn ist, auf den wir hören sollen.


 Heute schließt die Reihe der Epiphaniensonntage. Wir treten näher zur Gedächtniszeit der Leiden JEsu. Jeder Tag führt uns mehr in dieß Gedächtnis hinein. Bald werden wir so in dem einen Gedanken von JEsu Leiden leben, daß wir von unserm HErrn nichts mehr werden sagen noch hören können, ohne zugleich zu denken und zu sprechen: „Und das ist Der, welcher auf Golgatha gelitten hat!“ Da ists denn schön, wenn uns auch unabläßig das Gedächtnis Seiner Klarheit und der Ehre begleitet, welche Ihm der Vater und alle Seine Heerschaar gibt, wenn wir bei allem Leid

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 105. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/116&oldid=- (Version vom 28.8.2016)