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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Am Sonntage Jubilate.

Evang. Joh. 16, 16–23.
16. Ueber ein Kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen, denn Ich gehe zum Vater. 17. Da sprachen etliche unter Seinen Jüngern unter einander: Was ist das, das Er sage zu uns: „Ueber ein kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen, und daß Ich zum Vater gehe?“ 18. Da sprachen sie: Was ist das, das Er sagt: „Ueber ein Kleines?“ Wir wißen nicht, was Er redet. 19. Da merkte JEsus, daß sie Ihn fragen wollten und sprach zu ihnen: Davon fragt ihr unter einander, daß Ich gesagt habe: Ueber ein kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen. 20. Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr aber werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehret werden. 21. Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist kommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, daß der Mensch zur Welt geboren ist. 22. Und ihr habt auch nun Traurigkeit; aber Ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. 23. Und an demselbigen Tage werdet ihr Mich nichts fragen.

 DIeser Text versetzt uns aus der Pfingstzeit, in der wir leben, zurück in die ernsten heiligen Stunden jener Nacht, da der HErr Seine letzten Reden an Seine Jünger hielt und da Er verrathen ward. Was wir in den letzten Wochen feierlich begangen und innerlich wieder durchlebt haben, das Leiden und Sterben und Auferstehen des HErrn, zeigt uns dieser Text noch einmal, wie im Rückblick, und zugleich nimmt er Licht von dem Feste der Himmelfahrt, welches noch vor uns liegt, und läßt uns die schon vollbrachten Feste in diesem Lichte, im herrlichen Zusammenhang mit dem Heimgang JEsu zu Seinem Vater schauen. Gott verleih uns Gnade, die stille Pracht unsers Textes miteinander zu beschauen und davon die richtige Anwendung auf uns selbst zu machen.

 Der Text wird eingeleitet durch die Worte Christi: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen, denn Ich gehe zum Vater.“ Diese Worte des HErrn sind nicht bloß Eingang, sondern zugleich Thema des Textes, um sie und ihr Verständnis dreht sich alles. Die Jünger, welche noch das ganze Leiden, Sterben, Auferstehen sammt der Himmelfahrt Christi vor sich hatten, begriffen den Sinn der Worte nicht, wie denn überhaupt die Weißagung nur an der Erfüllung klar wird. Sie fanden in den Worten Christi ein dreifaches Räthsel. Erstens verstanden sie nicht das Wort: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen.“ Zweitens verstanden sie nicht das Wort: „Und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen.“ Endlich drittens verstanden sie nicht, was im Munde Christi das hieße: „Ich gehe zum Vater.“ Sie redeten unter einander davon und befragten sich darüber. Der HErr aber, der ihnen ja nur deshalb so räthselhaft zugesprochen hatte, weil Er sie zum Nachdenken und Fragen reizen und ihnen den Sinn Seiner Worte für die kommenden traurigen Stunden als einen Trost in die Seele prägen wollte, kam ihnen zuvor und beantwortete ihre Fragen. Freilich hatte auch Seine Antwort noch Räthselhaftes genug für Geister, welche in ganz andern Gedanken lebten und sich, so viel auf sie angekommen wäre, eine ganz andere Zukunft heraufgeführt hätten.

 „Ueber ein Kleines, spricht der HErr, so werdet ihr Mich nicht sehen.“ Denn es war nur noch ein

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 202. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/213&oldid=- (Version vom 4.9.2016)