Seite:Wilhelm Löhe - Evangelien-Postille Aufl 3.pdf/218

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

begrüßen und überwinden konnten! Warum waren sie so freudig in der größten Traurigkeit, welche die Welt kennt, warum war ihnen solche Macht über den Tod gegeben, woher hatten sie die Stärke? Weil sie den Himmel offen, weil sie die Seligkeit, weil sie Lohn und Krone der Ewigkeit sahen, weil sie die Kräfte jener Welt schon aufgenommen hatten, darum waren sie voll Freudigkeit, voll Lust mitten im bittern Tode! Lernet von ihnen, das Ziel vorwärts haben, vorwärts leben, für die Ewigkeit und von der Hoffnung der Ewigkeit leben, dann werdet auch ihr erfahren, was ihr bisher nicht erfuhret, daß die Freude das Ueberwiegende im Christenleben ist, daß die Freude alles Leides Meister und Tod ist. Es liegt alleine darin, daß wir nicht vorwärts, nicht für die ewige Bestimmung leben, wenn uns das Leid der Welt gefangen nimmt, gefangen hält.


 Darum vermahne ich euch in dem Namen des HErrn JEsus Christus, des Auferstandenen, daß ihr euch erkennet. Ihr seid getauft und habet Christum angezogen, Sein heiliges Wort wohnt unter euch und weidet euch, ihr seid gespeist und getränket mit Seinem Leib und Blute. So seid ihr denn nicht von dannen, so habt ihr vor euch das Kleinod, welches euch vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo JEsu! Was buhlt ihr mit der Welt, ihr Erlöseten JEsu Christi? Wißt ihr nicht, daß ihre Freude in Traurigkeit verwandelt wird, daß sich ihre Kinder auf einen Schlachttag weiden, daß ihr Glück nur eine Stille ist vor ewigen Stürmen? Was täuschet ihr euch mit weltlichen Gedanken, Lüsten und Begierden? Soll euch die Ewigkeit enttäuschen, soll euch der Tod überfallen und euch in die tiefe Hölle betten, weil ihr eure Erstgeburt so gar miskanntet, weil ihr nicht erkanntet, was ihr durch Wort und Sakramente hattet? Sehet auf, jenseits ist eure Heimath! Wer wird in der Fremde Hütten bauen und mit Midian buhlen statt nach Kanaan zu ziehen! Euer Leben ist ein Hingang zum Vater und zum Sohne, euer Leid ist ein Kleines, eure Freude, wenn ihr sie recht gefaßt, ist ewig. Diese Gedanken laßt in euch lebendig werden. Diese Gedanken laßet euch durchdringen, euch beleben. In ihnen und ihnen gemäß leben ist seliges Leben und vorwärts dringen zum Heile. Wer in ihnen lebt, lebt kein todtes Leben, lebt nicht der Sünde, läßt nicht von eitler Sünde seinen Frieden hier und seine Hoffnung verzehren. – – Ach, daß ich euch vermahnen könnte! Ach, daß ihr den Ruf vernähmet, für die Ewigkeit zu leben! Ach, daß ihr dem heiligen Geist, der, wenn ich ausgeredet, in euch die Vermahnung fortsetzt, nicht widerstrebtet! Daß Er euch lehren und leiten könnte zur Gemeinschaft aller Heiligen, zur Stadt Gottes, zu Christo, zum Vater! Wer spricht, wer betet, wer flehet mit mir das Amen?




Am Sonntage Cantate.

Evang. Joh. 16, 5–15.
5. Nun aber gehe Ich hin zu Dem, der Mich gesandt hat, und niemand unter euch fragt Mich: Wo gehest Du hin? 6. Sondern, dieweil Ich solches zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauerns geworden. 7. Aber Ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch gut, daß Ich hingehe. Denn so Ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch. So Ich aber hingehe, will Ich Ihn zu euch senden. 8. Und wenn Derselbige kommt, Der wird die Welt strafen, um die Sünde, und um die Gerechtigkeit, und um das Gericht: 9. Um die Sünde, daß sie nicht glauben an Mich; 10. Um die Gerechtigkeit aber, daß Ich zum Vater gehe und ihr Mich hinfort nicht sehet; 11. Um das Gericht, daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 12. Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen. 13. Wenn aber Jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, Der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn Er wird nicht von Ihm selbst reden, sondern
Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 207. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/218&oldid=- (Version vom 4.9.2016)