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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Leben, als es zuvor scheint. Aber gleichwie nicht allein das außerordentliche, sondern auch das ordentliche Gebet in JEsu Namen geschehen soll, so ist auch beiden in JEsu Namen Erhörung zugesagt. Bleiben auch Zeit, Ort und Weise der Erhörung dem Beter verborgen, die Erhörung ist dennoch gewis. So gewis es ein Vorrecht aller Gläubigen ist, in JEsu Namen zu beten, so gewis dürfen sie sich der Erhörung getrösten. Das Gebet in JEsu Namen kann nicht unerhört bleiben, sondern es muß erhört werden, wie das Gebet JEsu selber, weil es für ein Gebet JEsu selber gilt.

 Ist aber das gewis, so ist dem Beter auch seine versprochene vollkommene Freude gewis. − Erhört werden ist eine große und selige Freude. Man denke sich nur die Freude des dankbaren Aussätzigen, als er auf dem Wege zu den Priestern die Erhörung seines Gebetes inne ward, − die Freude des Hauptmanns zu Capernaum, als er wahrnahm, daß sein Knecht wirklich zu der Stunde genesen war, da Christus gesprochen hatte: „dein Knecht ist gesund,“ − die Freude des cananäischen Weibleins, da sie ihre Tochter genesen fand. Es ist etwas Köstliches, Erhörung glauben können; aber es ist doch etwas viel Ergreifenderes, eine vollkommenere Freude, Erhörung zu sehen. Es ist ein Unterschied wie zwischen glauben und schauen, zwischen hier und dort überhaupt. Hast du das nie erfahren? Hast du nie gebetet und Erhörung gesehen? Waren diese Stunden nicht deine seligsten auf Erden?

 Woher kommt es doch, meine Freunde, daß diese Stunden so selig sind? Es ist ein Geheimnis dahinter und ich könnte und wollte auch nicht um die Welt das Himmlische in den Staub ziehen. Aber etwas wahres läßt sich dennoch davon sagen. Der Mensch wandelt auf Erden wie in einem dunkeln Thale und unter allen seinen Anfechtungen ist keine, die tiefer in die Seele griffe und peinlicher wäre, als der Zweifel an einer unsichtbaren Welt, an einem Reiche der Geister und Gottes, an einem Jenseits. Nichts wünscht die edle Seele sehnlicher, als recht kräftig überzeugt zu werden, daß es mit dem Jenseits, mit dem unsichtbaren Reiche Gottes mehr als ein bloßer Name sei. Selbst mit Beschämung diese Ueberzeugung einzuholen, ist selige Freude. Nun drängt sich die Ueberzeugung eines unsichtbaren Gottes und Seines Reiches durch nichts mehr auf als durch Erhörung des Gebets. Denn wenn ich bete und meine Bitten Gewährung finden, wenn was ich heimlich spreche zu dem unsichtbaren Allgegenwärtigen, mir öffentlich und sichtbarlich vergolten wird, und meine Wünsche in Dingen und Verhältnissen hinausgehen, in denen und über welche weder ich noch sonst ein Mensch Gewalt üben kann; ists da nicht eben, als ob es hieße, als ob es aus der tiefsten Seele aufjauchzete und riefe: ja, es gibt ein Ohr, ein Auge, ein Herz, einen Gott im Himmel, und dieser Gott achtet mein, ich bin von Ihm verstanden und mit Ihm in Zusammenhang? Ich habe mit meinem Gott ein Geheimnis gemeinsam, das weiß niemand: es ist mein Gebet und deßen Erhörung? In diesen heimlichen Gedanken liegt eine Befriedigung, eine Freude, die man um alle Schätze der Welt nicht gibt: es ist die Freude der gefundenen und bestätigten Heimat und eines ewigen Lebens. − Wenn zwei in einem Walde verschiedene Wege gehen müßen und es ihnen schaurig wird, so ruft einer dem andern mit lauter Stimme zu und einer antwortet dem andern: das erhält sie alle beide muthig, macht sie getrost und fröhlich auf einsamen Wegen: man ist allein und doch auch wieder nicht allein. Das ist eine ähnliche Freude und doch ganz verschieden von der viel größeren Freude göttlicher Erhörungen. Denn da geht Stimme und Zuruf nicht neben hin, zum Freunde, der auch wie wir auf dunkeln Wegen geht, sondern aufwärts zum Freunde, der im ewigen Lichte und in göttlicher Macht wohnt. Zu Ihm geht der Ruf, von Ihm geht die Antwort aus. Dazu wandeln wir vorwärts zu Ihm und je näher wir zu Ihm und Seinem Throne kommen, desto lauter wird Ruf und Antwort, Gebet und Erhörung, bis endlich die volle Erhörung kommt und man den HErrn, den Freund der Seele, von Angesicht sieht. − Möchte man nur recht beten und ohne Unterlaß beten und im Namen JEsu beten! Der im Namen JEsu betet, wird ohne allen Zweifel erhört, weil er JEsu Stellvertreter ist, also eben so wenig abgewiesen wird und unerhört bleibt, als JEsus Selber. In JEsu Namen beten und erhört werden, das hängt unzertrennlich zusammen − und Erhörung und immer vollkommenere Freude hangen gleichfalls unzertrennlich zusammen.


 Wenn man diese Lehre vom Gebet im Namen JEsu weiß, so hat man sie lieb. Man wünscht sich in JEsu Namen zu beten, man wagt es im Glauben, man wird erhört und hocherfreut. Allein grade durch

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/229&oldid=- (Version vom 4.9.2016)