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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

Am vierten Sonntage des Advents.
Philipper 4, 4–7.

 Welch eine Epistel! Welch eine Feier der Seele, die das geschrieben hat! Wie nahe dem HErrn muß der im Geiste sein, der so von der Zukunft Christi schreiben konnte! Köstlich ist Luthers Predigt über diese Epistel, aber was ist sie gegen den Text selber! Man ist versucht, über diesen Text nicht zu predigen, sondern ihn allein reden und hinter ihm jede menschliche Stimme verstummen zu laßen! So oft ich von der Kanzel gehe, spreche ich die wunderschönen Worte voll wunderbaren Inhalts: „Der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo JEsu!“ Aber es kommt mich immer an, die ganze Epistel zu sagen, deren Schluß sie bilden.

 „Der HErr ist nahe!“ Das ist der Grundton, welcher das harmonische Geläute dieser Epistel trägt. Alle Traurigkeit der Erlösten löse sich in Freude auf, alle Härtigkeit in Lindigkeit, alle Sorge in Gebet, aller Tumult und Streit in jenen göttlichen Frieden, den die Welt nicht kennt und nicht empfangen kann! − Der HErr ist nahe, nahe im Worte, nahe im Tode, nahe im Gerichte, − der HErr ist nahe in jedem Sinn. Und in welchem Sinn du das Wort nehmen willst, immer wird es an Stärke mächtig sein, dein Ohr für die apostolischen Vermahnungen zu öffnen! Faße den verschiedenen Sinn des Wortes zusammen zu einem, wie es hier recht ist, denke an Wort, Tod und Gericht zugleich. Du thust nur recht − und desto mächtiger wird die Vermahnung auf dich wirken, welche dir Gott gibt!

 Ueber ein Kleines − und vom Auge rinnt keine Thräne, aus dem Herzen steigt kein Seufzer mehr, und ununterbrochene Freuden ergreifen dich! Wirf hin die Traurigkeit, ergreif einstweilen im Glauben die Freude, zu welcher du berufen bist! Ueber ein Kleines und du sagst in einem vollkommeneren Sinn, als Jakob zu seinem Bruder Esau: „Ich habe alles genug!“ − für was also eiferst du noch, womit kargst du noch? Schwing dich in den ewigen Besitz − und sei treu in allen Dingen, gegen alle Menschen. Ueber ein Kleines, so ist Kummer und Sorge gestorben, − schwing dich betend über jedes Hemmnis und Hindernis hinweg. Glaube betend Sorgenberge ins Meer! Ueber ein Kleines, so wird eine Stille werden, die kein Schlachtruf, kein hadernd Wort mehr unterbricht. Dann wird nur ein ewig friedenvolles Halleluja erschallen und man wird Gott loben in unaussprechlicher Stille. Also ergreif, der du in Christo JEsu berechtigt bist, ergreif den ewigen Frieden − und harre! Ueber ein Kleines, so ist überwunden die Welt, so ist gekommen, gewonnen die neue Welt!


Am Weihnachtsfeste.
Titum 2, 11–14.

 DIese Epistel wirft Licht auf die Krippe. Sie gibt dem neugebornen Kinde einen Namen, des sich die Menschheit freuen kann. Sie benennt es die leibhaftige Erscheinung der heilsamen Gnade Gottes für alle Menschen. Niemand konnte sich vermeßen, auszudeuten, wie Gott gegen uns gesinnt ist; aber nun ist es offenbart, nun ists erschienen. Gottes Gesinnung gegen uns ist Gnade. Liebe, Güte, Erbarmen, Gnade sind Steigerungen, aber die Gnade ist unter ihnen die höchste, denn sie ist nicht bloß thätige Liebe überhaupt, wie die Güte, nicht bloß thätige Liebe gegen die Elenden, wie das Erbarmen, sondern sie ist thätige Liebe Gottes gegen die elenden Sünder, gegen die Boshaften, welche das Gegentheil der Liebe sind. Diese Sünderliebe Gottes ist nun erschienen, die Menschwerdung und Geburt des Eingebornen predigt sie. − Die Epistel wirft Licht auf die Krippe. Sie bringt aber auch die Krippe in Verbindung mit dem Kreuze, denn sie nennt die Gnade eine heilsame, eine erlösende, und sagt, Christus, die leibhaftig erschienene Gnade Gottes, habe Sich Selbst für uns gegeben, nemlich in den Tod.

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 251. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/262&oldid=- (Version vom 8.8.2016)