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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

in der Zahl Seiner Tugenden leuchtende Einfalt an ihnen zu sehen. Von dem Anfang Seines allerheiligsten Lebens bis zur gebenedeiten Stunde Seines Todes hat Er nur eins vor, bleibt Sich Selbst in dem einen vollkommen gleich: − Er will um jeden Preis ein Hirte der verlorenen Schafe, ein König der verlorenen Reiche, ein Priester der abgefallenen Welt, Er will mit einem Worte unser HErr werden. Das wollte Er, das erreichte Er, das ist Er, das bleibt Er, − und darin sehen wir Seine göttliche Einfalt. Und wie Er in allen Leiden und in der Uebung aller Seiner Tugenden nichts anderes, als Sein Reich im Auge behielt; so behielten die Apostel in allen ihren Leiden und Tugenden auch nur Sein Reich im Auge. Der HErr, die Knechte suchen eins − beide in der Weise, die sie haben. Er ist ganz HErr, sie ganz Knechte Seines Reiches. − So sehen wir Ihn in den Jüngern! − Wir sollten Ihn auch in uns erkennen und erkennen laßen, − durch Leiden − mit Kraft nach Seinem Reiche ringen. Wir sollten wohl, aber mehr kann man von uns nicht sagen. Wir haben immerdar Bußtag, wenn wir auf uns schauen!


Am Sonntage Reminiscere.
1. Thessalonicher 4, 1–7.

 ES gibt eine Klasse von Menschen, die es übel nimmt, wenn man ihr Sprüche, wie V. 3–5. zu Gemüthe führt, während sie nicht besonders berührt wird, wenn man nach V. 6 sie vermahnt, „nicht zu weit zu greifen; noch den Bruder im Handel zu vervortheilen.“ Sie halten, wie es scheint, den Betrug für ein ehrlicheres Laster, als Hurerei, − die Unschuld rücksichtlich des 7. Gebotes für gemeiner, als die rücksichtlich des sechsten. Und doch ist Ein Gesetzgeber, der beide Gesetze gegeben, und Ein Geist, der zu beiderlei Unschuld vermahnt, und es ist offenbar, daß vor Gott von beiderlei Sünden eine ist, wie die andere. − Und wenn es nun nur so wäre, daß die Hurerei und Unreinigkeit sich weniger als die Betrügerei auf Erden fände, oder daß sie sich wenigstens in der besagten, nach ihrer Meinung privilegirten Klasse weniger fände. Aber auch das ist nicht so! Es ist nur die Heuchelei schuldbewußter Herzen, welche sich eher im 7., als im 6. Gebote vermahnen laßen zu müßen glauben! Ihrem Gewißen scheint geholfen, wenn sie nur nein sagen und gleich unhöflichen Leuten beim Besuch von Gästen ihr Daheimsein verläugnen können. Gerade dieß Pochen der mittleren und zum Theil höheren Stände auf Unschuld des Leibes verräth einen verzweifelten Schaden! Und gerade die demüthige Beugung vor beiden Gesetzen und der Seufzer der Anerkennung bei beiden ist ein Zeichen nicht allein verlorener Söhne, sondern auch reinerer, aufrichtigerer Herzen. Nur so weit du deine Unreinigkeit erkennst, hast du dem Lichte der Reinigung Raum vergönnt. Die Jungfrau, welche in der zartesten Schönheit des Leibes ehrwürdig vor den Augen der Menschheit steht, ist unrein, wenn sie ihr unreines Herz nicht erkennt. Der Jüngling, der im ritterlichsten Schmucke ehrbarer Werke ins Weite strebt, ist eine wurmfräßige Frucht, wenn er sich nicht gesagt sein läßt, was V. 3–5 steht. Es ist ja einerlei Vater aller Menschen und in allen lebt der alte Adam − und ist in keinem der neue Adam geboren, der nicht des alten anerkanntes, eingestandenes Kind ist. Es ist kein Heiliger zur Heiligung berufen, sondern alle Berufenen sind unheilig. Und wer die Berufung hört, der hört sie nur, weil er sich am falschen Ort erkennt, − denn Berufung fordert einen Wechsel des Aufenthalts. Wer wird aber wechseln, wenn er zufrieden ist mit dem Ort, wo er ist? – – Leugne nicht! Lerne dich schämen! Entfliehe der Schaam nicht durch Lügen! Du bist keine Lilie der Unschuld und wirst keine, wenn du nicht wie die Rose erröthest in Erkenntnis deiner Sünde. Du bist verlorener, als verloren − denn du bist ohne den Retter aller Sünder, ohne Christus, wenn du nicht aller Gebote Anwendbarkeit auf dich erkennst. − Nun sinne, mein Leser! Gott aber mache dich rein!


Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 271. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/282&oldid=- (Version vom 14.8.2016)