Seite:Wilhelm Löhe - Lebenslauf einer heiligen Magd Gottes aus dem Pfarrstande 2 Aufl.pdf/22

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lag die Zunge gelähmt im Munde. – Dennoch hoffte und hoffte ich, bis ich nicht mehr konnte. – Schon in der Nacht zuvor hatte mich einmal der Gedanke durchzuckt: „Bisher hast du Alles mit ihr gelitten, nun geht sie die Leidensbahn allein, ist los von dir!“ Nun aber trat der Gedanke mit gebieterischer Nothwendigkeit hervor. Ich ergoß mein schmerzenreiches Herz in Gebete, die ich nicht mehr weiß. Nur das weiß ich, daß ich sie keinem, keinem überlaßen konnte, übergab und opferte, als Ihm, unserm HErrn JEsu,  – und daß ich betete, ER wolle mich durch sie aufnehmen in die ewigen Hütten. – Zwei meiner Amtsnachbarn waren gekommen, in Hoffnung, eine Genesende zu treffen. Sie kamen eben recht, um mitzubeten, mitzusegnen. Heftige Schmerzen drangen auf sie ein, sie stöhnte. Hernach betete sie mit lallender Zunge, das trübe Auge fest auf einen Punkt gerichtet. Ich vernahm, wie sie oftmals von der müden Zunge ein „HErr, hilf!“ abwälzte. Endlich – gieng ihr der HErr entgegen. Sie entschlief unter dem lauten, gemeinsamen Segen der anwesenden Priester und Hausgenoßen. Ich dankte ihr für die zahllosen Wohlthaten ihrer aufopfernden Liebe, – ich wurde der ärmste unter der Sonne, während sie ewigen Reichthum ererbte. –

 Bei ihrem Scheiden erwies sich’s, welche Liebe eine anspruchlose Frau finden kann. Bescheidener, anspruchloser, demüthiger als sie, habe ich nie ein Weib gesehen. Aber sie hat viele und große Liebe gefunden. Davon zeugten die Thränen und Wehklagen auch solcher Leute, die für fremde Leiden wenig Herz und Theilnahme haben.