Seite:Wilhelm Löhe - Lebenslauf einer heiligen Magd Gottes aus dem Pfarrstande 2 Aufl.pdf/28

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mich mit manchem weiblichen Wesen bekannt gemacht, dessen Gaben, wenn man hätte vergleichen wollen, Helenens Gaben weit überstrahlten. Ich meine es gewiß zu wißen, daß Helene sich z. B. vor mancher Diaconissin, wenn sie die Zeit erlebt hätte, tief verneigt haben und gethan haben würde, was sie mir manchmal so holdselig gethan hatte, – nemlich ihren Schemel geholt, ihn zu deren Füßen gerückt und ihr in vergnügter Hingabe zugehört haben würde. Von wie vielen, vielen wurde und wird sie überstrahlt! Auch könnte man sie eben so wenig unter die Namen unserer Kalenderheiligen einreihen, wenn ich sie gleich eine heilige Magd Gottes genannt habe. Wie an Gaben, so war sie auch an der heroischen Tugend, die man von einer antiken Heiligen verlangt, nur klein. Aber was mir an ihr so wohl gefallen hat, war das Bewußtsein ihrer Kleinheit und ihres Nichts, das sie nicht drückte, nicht genierte, sondern ihr Herz ganz und gar ihrem höchsten Schatze Christo öffnete: an freudiger Niedrigkeit, dazu an geheiligter Natürlichkeit, an Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit des Daseins und Benehmens habe ich ihres Gleichen nicht gefunden, – vielleicht nur, weil ich zu gerne sie in diesem Lichte ansah, als daß ich andre hätte neben ihr im gleichen Lichte sehen können. Andre sehen dasselbe an andern, ich an Helene. Wo es sich aber findet, redet es an’s Herz und macht die Seele dessen fröhlich, der den Anblick hat.

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 Ehe ich um sie warb, ließ ich, wie die Freier thun, ihren Sinn erforschen, nemlich durch ihre eigene Mutter. Die Mutter schrieb: „Ich habe Helenen Ihren Brief nicht mitgetheilt, demohnerachtet sind alle Fragen