Seite:Wilhelm Löhe - Lebenslauf einer heiligen Magd Gottes aus dem Pfarrstande 2 Aufl.pdf/40

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sie eben könne. Das eben wollte sie. Sie wollte gerne von innen heraus nach außen ein reiner, lauterer Bach sein, und fühlte es schmerzlich, wenn die Harfe nicht harmonisch, hell und klar aus dem Innern tönte. Sie schrieb am 5. Juni:

 „In Gedanken habe ich Dir heut schon einen Brief geschrieben, denn ich hätte Dich gar gern ein wenig gesprochen und Dich Manches gefragt. Mein Herz ist ein trotzig und verzagtes Ding, das weißt Du freilich; aber weil ich Dir sagen soll, wie mir es immer ist, so will ich Dir nun auch schreiben, daß es mir heut nicht wohl zu Muth. Schon gestern merkte ich es, daß ich nicht recht ruhig in Gott war, und mir fiel der Spruch ein: „Eure Untugenden scheiden euch von eurem Gott.“ Heute war ich bei Tante und Onkel S., um Deinen Gruß auszurichten, und las ihnen was aus Deinen Briefen vor, weil sie Dich lieben und gerne von Dir hören. Da sagten sie zu mir, ich sei, während mein Bräutigam da gewesen, so ganz anders gewesen, lang nicht so lustig. Das sagen auch die Meinen. Ich finde wirklich was Wahres darinnen. Wenn ich mich auch grade nicht anders habe geben wollen, so war ich doch allerdings anders, so lange mein Wilhelm bei mir war; ich glaube, Du hast mich nicht von der schlimmen Seite diese Tage kennen lernen, sondern etwa von der besten, und doch wirst du noch viel an mir zu tadeln gefunden haben. Ach, mein Herz ist ein gar bös und trotzig Ding. Ich vergeße