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Am Sonntag nach Neujahr.
(Nürnberg 1835.)


Ps. 133. Siehe, wie fein und lieblich ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen, wie der köstliche Balsam ist, der vom Haupt Aarons herabfließt in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid; wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zion. Denn daselbst verheißt der HErr Segen und Leben immer und ewiglich.

 Die heilige Schrift, meine Teuren, redet allerdings oft von Freunden und stellt die Freundschaft, wenn auch nicht in einem besonderen Gebote, doch aber in vielen Beispielen dar. Allein sie kennt noch einen höheren Namen, nämlich den Namen Bruder – und für die Bruderliebe enthält sie nicht allein Beispiele, sondern auch ein großes Gebot des HErrn. Und wahrlich, der Name Bruder hat eine höhere Bedeutung. Seinen Freund wählt sich ein jeder nach seiner Neigung; aber ein Bruder ist ein Freund, welchen Gott beschert nach Seiner Gnade. Von einem Freunde erwartet man erst Freundschaftsbeweise, und bevor man ihn in der Not erprobt hat, glaubt man an seine Freundschaft nicht. Hingegen ein Bruder ist ein solcher Mann, von dessen Liebe man eine gewisse Überzeugung hat, auch wenn sie noch in keiner Not bewährt ist; auf eines Bruders Liebe verläßt man sich mit stiller Beruhigung – allen Freunden traut man Untreue zu, aber ein brüderliches Herz ist ein verlässiges Herz, ein Fels, vom HErrn gepflanzt, eine Zuflucht des bedrängten Herzens, eine letzte Labung selbst im Sterben. Erlaubt mir also, meine Teuren, euch heute von Bruderschaft und Bruderliebe nach dem verlesenen Texte zu predigen.

 Gott segne die Predigt an vielen unter uns! Amen.