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und zu der Gemeine der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten, und zu dem Mittler des Neuen Testaments, JEsu, und zu dem Blute der Begrenzung, das da besser redet, denn Abels Blut.“[1] Denn es redet Vergebung, Leben und Segen ewiglich für alle Brüder JEsu Christi!

 Geliebte Brüder! Wie es einem Engel sein würde, wenn es jemals des himmlischen Vaters Wille sein könnte, ihn aus dieser seligen Gemeinde im Himmel in die Hölle und Genossenschaft der Teufel zu senden, das wissen wir freilich nicht. Aber eine Ahnung, eine traurige Ahnung davon bekommt man, wenn man nach Betrachtung des ganzen Stammbaumes der Bruderschaft – von der leiblichen bis zur Bruderschaft JEsu hinauf – mit einem Male an das erinnert wird, was mit der Bruderliebe und Bruderschaft auf Erden geworden ist. O die Erde ist leider meist kein Paradies der Bruderliebe, sondern eine öde, unfruchtbare Steppe – sonnenverbranntes Land, von Krieg und Unfrieden verzehrt.

 Erinnert euch, liebe Seelen, an die leibliche Bruderschaft. Schauet in die Familien – ich meine, ein jeder in seine Familie. Ist’s denn fein und lieblich bei euch? Wohnt ihr einträchtig bei einander? Ist Gottes Segen und Leben bei euch eingekehrt? Gott meint freilich einem jeden an seinem Bruder einen gewissen Freund zu geben. Aber was hilft’s denn den allermeisten, daß sie Brüder haben? Sie haben an ihnen weder Freunde noch Brüder. O es ist schlimm! Wenn Christus durch Sein Evangelium eine Spaltung in den Familien anrichtet, dann jammert die Welt. Warum jammert sie nicht über so viel häufigere Spaltungen zwischen Brüdern, die nicht Christus und Sein Evangelium, sondern der Brüder gegenseitiger Haß und Neid, Stolz und Empfindlichkeit hervorgebracht hat? Das ist so gewöhnlich geworden – daß man’s wunderbar findet, wenn einmal in einer Familie wahre Eintracht herrscht. Es giebt oft kaum ärgere Feinde, als Brüder


  1. Hebr, 12, 22–24.