Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/145

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so ist durch Adams Sünde die Sünde so sehr in die Menschheit eingedrungen, daß die ganze menschliche Natur sündig geworden ist. Dem Menschen werden drei besondere Vermögen insgemein zugeschrieben: das Denkvermögen oder Erkenntnisvermögen, das Begehrungsvermögen oder der Wille und das Gefühl. Diese drei Vermögen des menschlichen Geistes sind von der Sünde so durchdrungen, daß sie vom Guten völlig abgewendet und im Dienste des Bösen sind. Dazu ist auch der Leib voll böser Lüste und Begierden, in Summa: das Bild Gottes ist vom Menschen genommen.


II.

 Diese Lehre bezeugt die heilige Schrift an zahllosen Stellen, und die ganze Heilsanstalt Gottes, so wie sie in Christo aufgerichtet wurde, schließt sich an einen so verderbten Zustand des Herzens an. Es ist nicht möglich, in einer Predigt diese Behauptung nachzuweisen; aber einige Stellen der heiligen Schrift, welche man ihrer Deutlichkeit wegen hier anzuführen pflegt, wollen wir zum Beweise anführen – auch hier.

 Vor der Sündflut (1. Mos. 6, 5) war schon alles Dichten und Trachten des menschlichen Herzens nur böse immerdar – und 1. Mos. 8, 21 sagt Gott von Noah, seinen Söhnen und dem ganzen Menschengeschlecht, das von Noah, als zweitem Stammvater, kommt: „Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Damit ist ohne Zweifel der verderbte Zustand des menschlichen Herzens bezeichnet, den wir Erbsünde nennen. Mancher wird freilich sagen: „Soll denn der Mensch böse sein, den Gott geschaffen hat? Du thust dem Schöpfer eine schlechte Ehre, wenn du Sein Geschöpf schlecht machst.“ Aber das ist ein thörichtes Geschwätz. Ich kann meinem Schöpfer keine größere Ehre anthun, als wenn ich durch mein gläubiges Vertrauen Seine Aussprüche und Worte versiegele, – weiter aber, als das, thue ich nichts, wenn ich in mir und andern Sünde und Verderben erkenne, denn weder ich, noch ein anderer Mensch, sondern Gott selbst hat gesagt, was 1. Mos.