Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/148

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Eine süße Quelle giebt doch kein bitteres Wasser, und ein guter Baum bringt doch keine argen Früchte? Wie sollte denn aus einem guten Herzen Arges kommen? – wie sollte das Herz gut sein, von dem Christus spricht: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken etc.“? Es kann nicht anders sein, es muß das Herz ein böser Baum sein, weil er so böse Früchte bringt.

 b) Freilich könnte einer sagen: Ja, der Mensch wird so geschaffen und kommt so in die Welt, daß er wählen kann gut und böse; aber weil ihn eine böse Welt umgiebt, so wählt er das Böse, – er gewöhnt sich eben ans Böse. – Allein wenn der Mensch die Macht zum Guten sowohl wie die zum Bösen in den Händen hat, warum wählt er denn immer das Böse, warum folgt er bösen Beispielen, warum gewöhnt er sich ans Böse: – die Anlage zum Guten, welche sich niemals in der That beweist, ist gewiß sehr verdächtig!

 c) Darauf könnte man sagen: Der Mensch kommt hülflos in die Welt, er muß sich ziehen und erziehen lassen; er hat wohl Anlage zum Guten wie zum Bösen, aber weil er unter Bösen lebt, so wird von vornherein die Anlage zum Guten weniger ausgebildet, als die zum Bösen, und so kommt’s, daß keiner vor dem Bösen bewahrt bleibt. – Allein warum ist denn der Mensch so hülflos, und warum ist denn seine Anlage zum Guten so schwach, daß er vom Bösen so gar überwältigt wird, daß kein Mensch ohne Sünde blieb? Und warum hat denn Christus allem bösen Eindruck so sehr widerstanden, warum ist ER im Kote der Welt nicht schmutzig geworden, warum ist ER so rein in Seinem Leben, wenn nicht deswegen, weil ER von den Sündern abgesondert ist und keine Erbsünde mit sich in die Welt brachte? Wenn aber Ihn der Mangel der Erbsünde schützte vor Befleckung, was wird denn unsere Kinder in solche Gefahr und Befleckung bringen, wenn nicht die Erbsünde? Es ist doch offenbar, daß das Herz böse sein muß, weil es bei allen Menschen sich mit dem Bösen eingelassen, und nur einer, welcher selbst gut ist, auch gut geblieben ist?