Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/163

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JEsus von Nazareth! Siehst du, Saulus, siehst du Meine Herrlichkeit? Siehst du, was aus der Dornenkrone für Licht und Strahlen gewachsen sind? Siehst du, daß die Predigt der Jünger wahr ist, daß Ich auferstanden, daß Ich aufgefahren bin, daß Ich lebe und regiere in Ewigkeit, daß in Meinen Händen liegt alle Macht und Gewalt? Du liegst am Boden, armer Saul, – was willst du länger wider Mich dich auflehnen? – Mich, ja Mich verfolgst du! Was du thust einem unter Meinen geringsten Brüdern, das thust du Mir. Ich und die Meinen, wir sind eins! Fürchtest du dich nicht? Meinst du, Ich sei ein Hirte, der seiner Schafe Jammer gleichgültig ansieht? Saul, Saul, was denkst du, diese Schafe sind Mein – Mein Volk, – erwählt von Mir zu Preis und Ehre! Sie sollen sich ausbreiten, sie sollen die Welt einnehmen, sie sollen das Erdreich besitzen! Ich will es! Was willst du? – Warum, warum verfolgst du Mich? Ich habe deine Wut gesehen und habe deiner bisher geschont. Aber warum hast du das gethan? Was habe Ich dir gethan, daß du Mir so vergelten willst? du, den Ich auserwählt habe von Mutterleibe an, daß du Mir ein auserwähltes Rüstzeug würdest, zu tragen Meinen Namen vor alle Geschlechter der Erde! Du, dem Ich einen Stuhl gesetzt in der Zahl der heiligen Apostel, – du, für den Ich auch verschmäht und verspottet bin und gekreuzigt und getötet! Saul, Saul, was willst du, was verfolgst du Mich? –

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 Ach! das hatte Saul nie gedacht! Er glaubte seinem Gott gedient zu haben von reinem Herzen, und wie war es nun! Er stand da vor dem Richter der Welt, und wenn ER mit ihm hätte wollen ins Gericht gehen, so wäre er unrettbar gewesen! Aber ER redete gnädig, ER erwies sich als den, der da sanftmütig und von Herzen demütig ist, der nicht wiederschilt, wenn ER gescholten wird, – der segnet, die Ihm fluchen! Und einen solchen Heiland hatte er beleidigt! Zitternd und voll Schrecken lag Saulus vor dem Himmlischen, dessen Zorn und Gnade zu gleicher Zeit auf ihn hereinzubrechen, ihn zu erdrücken drohte. Zitternd und voll Zagen, von heimlichem Vertrauen getrieben zu dem,