Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/201

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 Also


I.

 Was ist ein Opfer? Das Wort Opfer ist nicht ursprünglich deutsch, sondern lateinisch und bedeutet nichts anderes, als eine Gabe, ein Geschenk, welches Gotte gemacht wird. Die Absicht, warum Gott ein Geschenk gemacht wird, ist verschieden, die, von welcher wir bei dem Hohenpriestertum zu reden haben, ist, durch dargebrachte Gaben Gott zu versöhnen, welcher über die Menschen zürnt, weil sie das Gebot, welches ER ihnen ins Gewissen und auf Sinai in steinerne Tafeln schrieb, verachten und übertreten ohne Unterlaß. Zwar kann der Mensch Gott nichts schenken, was er nicht von Gott empfangen hätte, gleichwie Kinder ihren Eltern nur Geschenke von dem darbringen, was sie zuerst von ihnen empfangen haben; aber fürs erste wäre es schon der Menschen Pflicht, ja ihre Seligkeit, alle ihre Habe Gott zu bringen, auf daß ihnen alles geheiligt wiedergegeben würde, und dann, wenn auch alle diese Gaben Gott nicht versöhnen können, so nähren und erhalten sie doch den Gedanken und die Sehnsucht nach einem Opfer, nach einer Gabe, welche wirklich versöhnen kann, und das ist’s, was sie sollen. Darum hat auch Gott selbst im Paradiese das Opfer eingesetzt, und diese Einsetzung hat sich bei allen Völkern, welche Christum nicht kennen, erhalten bis auf den heutigen Tag; die aber, welche Christum kennen, haben entweder aufgehört zu opfern, weil sie in Ihm das allgenugsame Opfer erkannt haben, oder sie opfern sträfliche Opfer, welche Gott nur destomehr erzürnen, als z. B., wenn Juden und Mohammedaner ihren Werken und Gebeten die Kraft beilegen, welche nur den Opfern, oder recht gesprochen, nur dem einzig gültigen Opfer zukommen. Denn das ist freilich jämmerlicher Aberglaube, wenn man dem Blute der Böcke und Rinder zuschreibt, was nur dem Blute Christi zugeschrieben werden kann, von welchem die übrigen Opfer weissagen.


II.

 Was für ein Opfer bedürfen wir?

 1. Da schon eine einzige Sünde hinreichend ist, ein Herz in alle Qualen der Hölle niederzudrücken, so müssen wir ein