Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/206

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 Wenn nun, liebe Seelen, die ganze Welt auf Christi Opfer gewartet hat, wenn, nachdem es geleistet ist, alle erwünschten Früchte desselben gereift sind, und Segen in Strömen fließt, warum giebt es denn doch so wenig Menschen, welche sich aus diesen Strömen satt trinken, so wenige, welche jener seligen Früchte genießen? – Warum ist die Welt nach dem großen Sühnopfer dennoch unversöhnt, ohne Frieden, ohne Freude, ohne Gewißheit der Kindschaft Gottes, ohne lebendige Hoffnung des ewigen Lebens? – Am Opfer liegt es nicht, am Hohenpriester auch nicht; ER hat vollbracht und ist zu ewigen Ehren gekommen, auch daran liegt es nicht, daß nicht gepredigt würde, was des Opfers Kraft ist; euch wenigstens wird es gepredigt, und der HErr hat sich auch sonst noch in der Wüste manche Stimme eines Predigers erhalten und wird das Wort Seiner Predigt nie ganz verstummen lassen. Aber Welt bleibt Welt vom Anfang der Tage bis an das Ende, das ist die Sache, und am Menschen selbst liegt die Schuld, denn er glaubt nicht an Christi Opfer, wenn er gleich bei jedem Genuß Seines heiligen Mahls Seinen Opferleib und Sein Opferblut zu essen und zu trinken bekommt. Viele sind, die zweifeln, ob wohl auch einmal Christus gelebt habe, ob sie schon andere Dinge fest glauben, die weder menschlich noch göttlich so gewiß bezeugt sind, wie die Geschichte des Lebens und Sterbens, der Erniedrigung und Erhöhung Christi. Viele zweifeln nicht daran, aber es ist ihnen gleichgültig, oder sie legen der Geschichte JEsu andere Zwecke unter, wenngleich die heiligen Propheten rufen: „ER ist um unserer Missethat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen“ (Jes. 53, 5), und die heiligen Apostel: „Wir sind erkauft nicht mit Gold oder Silber, sondern mit dem teuren Blute Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes“ (1. Petr. 1, 18. 19), und ER selbst: „Ich bin nicht gekommen, daß Ich Mir dienen lasse, sondern daß ich diene und gebe Mein Leben zu einer Erlösung für viele“ (Matth. 20, 28), und im heiligen Abendmahl: „Das ist Mein Blut des Neuen Testaments, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Matth. 26, 28). Andere geben zu, daß Christus ein Opfer geworden