Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/229

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Gewalt thun, dringen hinein, das ist, nach Auslegung des Propheten Hosea: „die durch Gebet und Thränen mit Gott ringen wie Jakob.“ Und warum hat man noch nicht gekämpft, warum scheut man sich, sich in diesen Kampf einzulassen und darin zu verharren? Darum, weil man das Schicksal Jakobs fürchtet, der, nachdem seine Seele durch den Segen Christi genesen, am Leibe hinkend geworden war, weil man vor der Welt nicht hinkend, nicht einseitig werden will, auch wenn man nicht anders vor Gott ein ganzer Mann werden kann! Weil man keine Kraft in sich fühlt, wie Jakob Weib und Kinder, ja die ganze Welt und ihre Lust vor sich über die Furt zu schicken und mit Gott allein zu bleiben, weil Herz und Lust am irdischen Wohlergehen hängt und man die Fleischtöpfe Ägyptens für süßer hält, als mit Christo und dem Volke Gottes Schmach zu leiden! Weil das Kreuz den Juden, das ist, den Stolzen und Selbstgerechten, heute noch ein Ärgernis, und den Griechen, das ist, den Leichtsinnigen, welche die christliche Freiheit zum Deckel der Bosheit nehmen, eine Thorheit, eine Schwachheit, ein Zeichen solcher Leute ist, die da den freien Weg, das ist, die breite Straße, nicht mögen, wo man im Trubel und Tumult der Menschen zu einer weiten Pforte der Verdammnis, in einen Meereshafen fährt, wo man mit ewigen Wellen zu kämpfen hat!

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 Geliebte Herzen, denen ich ewiges Leben gönne, gleichwie der fromme Wundarzt, der ein Glied abschneidet, des Leibes gänzliche Genesung wünscht! Geliebte Herzen, ernste Worte sind das und sollen es sein, gesprochen nach allgemeinem Bedürfnis eurer Seelen, nicht für wenige unter euch! Ernste Worte sind es und sollen es sein! Mögen sie euch zum Segen für eure Seelen werden! Mögen sie in euch in ihrer Summa klingen: „Rein ab und Christo an!“ Möge eure Seele von ihren Banden frei werden, von ihren Fesseln und Bleigewichten los, eingehen in den stillen, sicheren Hafen, wo Gottes Kinder in heiliger Liebe für alle Menschen wohnen, Glück und Segen jeder Seele gönnen! Ja, ja, meine herzlich Geliebten, ja, ihr, die ich schmerzlich liebe, weil meine Seele sieht, daß ihr den Weg des Friedens nicht wählt, noch versteht,