Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/245

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nach Gottes Wort, und ich führe nur deshalb kein Gebot an, Almosen zu geben, weil keiner unter euch zweifeln wird, daß es in der heiligen Schrift an Geboten wimmelt, so daß jeder leicht sich selbst Beweis und Beleg des Gesagten aus der Schrift holen kann.


II.

 Wohlan, es ist also Gottes Gebot, demnach auch Pflicht, Almosen zu geben; aber es fragt sich: für wen ist es Pflicht? wer soll Almosen geben?

 Darauf ist Antwort: Es ist keiner von der Pflicht, Almosen zu geben, ausgenommen, der Reiche nicht, aber auch der Arme nicht. Es ist keiner, der nicht noch etwas zu verlieren hätte, und wer noch etwas zu verlieren hat, der hat auch noch etwas zu geben. Wer noch ein Stück Brot hätte und sonst nichts mehr, der könnte von seinem Stück Brot immer noch Almosen geben. Da werden freilich eure Armen unzufrieden sein, daß ich so predige; sie haben gehofft, es werden heute die Wohlhabenden und Reichen die Wahrheit hören, und nun fällt auf sie selber eine so scharfe Rede! Allein, saget, was euch beliebt; wenn ihr’s nicht leugnen könnet, daß Luk. 21, 2. 3 die arme Witwe von dem HErrn Lob empfing, welche zwei Scherflein, das ist alle ihre Habe, in den Gotteskasten legte; so könnet ihr auch nicht leugnen, daß es auch dem Armen zusteht, von seinem Wenigen Almosen zu geben. Hast du nicht Geld, so gieb, was du hast; wer aber gar nichts geben will mit der Ausrede: er habe nichts, der ist bei aller seiner Armut ein Geizhals, seine paar Kreuzer und Groschen liebt er ebenso ängstlich, zäh und zart, als der Reiche seine volle Kasse, seine Obligationen, Schuldscheine, Quittungen etc.


III.

 Gut, sagt ihr, das Beispiel von der Witwe ist allerdings schlagend, und man muß auch gestehen, daß, weil die Nächstenliebe allen Menschen geboten ist, auch allen Menschen der Beweis der Nächstenliebe geboten sein muß, welcher im Almosengeben