Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/246

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

liegt. Aber soll man denn allen ohne Unterschied geben? Wir wollen sehen, was hierauf die Antwort sei. Wenn ein armer und würdiger Mann vor dir steht, dem sollst du geben, ohne allen Zweifel. Wenn einer vor dir steht, von dem du gewiß weißt, die sichere, vor Gott am jüngsten Tage zu verteidigende Überzeugung hast, daß er unwürdig ist, daß er das Almosen etwa nur zum Wohlleben, zum Trunk, zum Spiele etc. anwendet, dem sollst du nicht geben, denn du würdest ihn in seiner Sünde steifen. Das gefällt euch, ihr Geizigen, nicht wahr? So wenn ich rede, da möchtet ihr Beifall klatschen. Da sprechet ihr bei euch selbst: Ja, ja, so ist’s, und lauter liederliches Gesindel ist’s, was da herumläuft und haben will, nichts geben muß man ihnen! Halt, halt! Laßt euern Jubel nicht los, so meint es Gottes Wort nicht, meinet ihr, Gottes Wort sei so geizig, wie ihr, oder Gott sei ein verhärteter Sünder, wie ihr? Wartet erst, lasset euch weiter berichten! Wenn zwei in dein Haus kommen und betteln, und du weißt es gewiß, daß der eine würdig, der andere ein Verschwender der Almosen ist, und du hast nur einen Pfennig, so gieb dein kupfernes Plättlein dem Würdigen und dem Verschwender gieb nichts, denn bei dem gössest du in ein bodenloses Faß. Das ist auch klar, das ist noch kein sonderlicher Spieß und Nagel für geizige Leute. Aber nun weiter. Wenn einer kommt, und du weißt es nicht ganz gewiß, du hast keinen Beweis, keine ganz sichere, vor Gottes Gericht zu vertretende Erfahrung, daß er unwürdig ist, so hast du die Pflicht zu geben. Die Liebe hält immer möglichst viele für würdig; aber der selbstsüchtige Geiz, der hält, wo möglich, keinen für würdig. Es ist nichts als Lieblosigkeit und Geiz, daß man so viele für unwürdig hält; in den wenigsten Fällen hat man Gewißheit, daß einer unwürdig sei, nur Gott weiß, wer unwürdig oder würdig ist. Und dann, gesetzt den Fall, es wäre einer unwürdig, er wäre aber in großer Not; willst du ihn, weil er unwürdig ist, sterben und verderben lassen? Hat Gott mit dir so gehandelt? Bist du nicht auch unwürdig, und ER hat dich doch mit Seinen Gütern überhäuft, ja zugedeckt! Hat auch der barmherzige Samariter