Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/248

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zu denen man geben kann? Du giebst keinem Armen gern, warum giebst du zum Waisenhaus, warum zur Witwenanstalt, warum zur Heidenbekehrung, warum zur Bibelverbreitung nichts? Nicht wahr? Du hast keine Waisen und Witwen zu versorgen, eine Bibel hast du schon, und was gehen dich andere an? oder gar die Heiden? Sieh, sieh! merkst du’s nicht! Es liegt dir nicht daran, die Würdigen zu treffen; hättest du einen so hohen Sinn, so würdest du’s bald auch verstehen, daß du die Würdigen auszusuchen viel zu thöricht bist; es liegt dir nur daran, zu sparen, du willst nur deinen Geiz beschönigen, und du stimmst mit Christo nicht überein, daß geben seliger als nehmen ist, sondern geben, geben, nichts als geben; das ist deine Hölle auf Erden, und wenn du geben mußt, haben deine Leute einen bösen Tag!


IV.

 Da sagt ihr: „Schnaub’ uns nicht so an, wir sind keine Verschwender,“ das ist wahr, bei uns heißt’s von den Alten wie von den Jungen: „Junges Blut, spar dein Gut, Armut im Alter wehe thut,“ wir halten unsere Sachen zu Rat (dabei schmunzelt ihr, denn ihr denkt an euer Geld); aber, setzt ihr dazu, wir geben auch, es kommt kein Bettler, er bekommt seinen Pfennig oder ein Stück Brot. Wirklich? Thut ihr das? das thut ihr? Antwort. Und wie viel behaltet ihr übrig? Und was ist’s ganz und gar, wenn ihr Pfennige und Brotstücklein austeilt, ihr vergebt euch doch nicht, eure Linke weiß genau, was die Rechte thut, ihr könnet alle eure Pfennige Gott vorrechnen, aber ihr vergesset, daß er euch Gulden dafür giebt, daß das Almosen, das ihr gebet, mit dem, welches ihr empfanget, in keinem Verhältnis steht. Ihr gebt zu wenig, viel zu wenig. Darauf sprechet ihr: Was? zu wenig? Hast du mein Einkommen schon gezählt? Soll ich über Vermögen geben? Steht nicht geschrieben, ein jeder soll geben nach dem Vermögen, das Gott darreicht? Habe ich nicht Weib und Kind, muß ich die nicht versorgen? Ist der nicht ärger als ein Heide, der seine Hausgenossen nicht versorgt? Du redest, wie ein junger Mensch, der nichts vom Haushalt weiß, und wie schwer ist’s verdient.