Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/250

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als hätte jemand von dir verlangt, du solltest über Vermögen geben. Gieb nur nach Vermögen, das eben verlangt Gott von dir! Das eben thust du nicht. Ein Schelm giebt mehr, als er hat, und wer über Vermögen giebt, muß es gestohlen haben; aber was du hast, das muß deinem HErrn ohne Ausrede bereit stehen, Verlust mußt du nicht achten, wenn du gleich keine Schulden machen darfst, um zu geben. Denke nur an die Witwe Luk. 10, denke nur daran, daß du ihr nachahmen und nicht bloß von deinem Vermögen, sondern auch dein Vermögen mußt geben können; wo nicht, so bist du der reiche Jüngling, der alle Gebote gehalten hatte, hernach aber offenbar ward, daß er das Geld anbetete, daß er nicht ins Himmelreich gehen könnte! Brüder, Brüder! Wer sein Herz nicht so von allem Irdischen losgerissen hat, daß er in jedem Augenblick bereit ist, arm zu werden, wer nicht arm werden und dabei vergnügt bleiben, wer nicht mit Freuden alles, alles opfern kann, o meine Brüder! der liebt den HErrn nicht über alles, dem ist der HErr nicht so gut, als ein Erbgut, der verachtet Ihn sehr, sehr, der ist Sein nicht wert, kein Gotteskind, kein Christ!


V.

 Nach alle dem wollen wir nur noch eine Frage ganz kurz beantworten: wie soll man geben? Soll man öffentlich geben oder heimlich? Antwort: öffentlich und heimlich, wie’s Gott schafft! Heimlich am liebsten, aber auch im Frieden Gottes öffentlich; denn wir thun öffentlich und heimlich nichts, als nur Gottes Willen, der allenthalben und auf jede Weise geschehen soll. Ferner sollst du geben mit Überlegung der Umstände, das ist, weislich, nicht bloß Geld sollst du geben, sondern auch die Zeit nicht scheuen, die es dich kostet, wenn du recht und nachdrücklich geben willst! Du sollst dem Armen sein Almosen nicht geben, wie dem Hund einen Brocken, und ihn dann laufen lassen, sondern du sollst ihn auch anleiten und beraten, wie ihm seine Armut und dein Geben am gesegnetsten werden könne; du sollst also mit weiser Liebe geben! Du sollst nicht geben aus fleischlicher Gutherzigkeit; denn fleischliches