Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/259

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singt man nach falscher Lehre im Grabgesang: „Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst gelebt zu haben. Nur ein Herz etc.“ Aber wo ist unter allen Toten der, dem sein Gewissen über sein Leben im Sterben nicht geschlagen hätte, oder wem hat es nicht geschlagen, und ist nicht hinter dem Tode mit ewigen und unaufhörlichen Schlägen aufgewacht? Wo ist der Mensch, der keinen Kläger für seine Werke zu fürchten hätte? wo der Mensch, welcher den Richter und sein Gericht leicht nehmen könnte ohne ewigen Schaden? Keinem Menschen giebt sein Gewissen ein gutes Zeugnis! Wer sich das einbildet, kennt sich nicht, ist verblendet, der Stolz hat sein Auge verblendet! Es giebt schlafende Gewissen, die zeugen nicht, die lassen dem Menschen den Wahn, als sprächen sie für ihn! Aber das sind schlechte Gewissen, die wachen am Ende und nach dem Tode auf und versäumen, was sie hier verschlafen! Aber dann ist keine Rettung mehr, sondern das Gewissen zeugt alsdann zum Verderben! Ach, schon hier, mein Gott, zeugt mein Gewissen mit meinen Klägern: Nicht ich habe recht, sondern meine Kläger vor dir! Ich fürchte mich vor dir, o du Richter der Welt! Alle Streitigkeiten mögen ein Ende haben, ehe deine armen Geschöpfe in diesem Gerichte gewonnen sind und dann mögen sie überhaupt keine Streitigkeiten mehr.


VI.

 Ach, wer das erkennt, was wir bisher gesagt, wer es auf Wahrheit anerkennt, wie sollte der so froh sein, wenn er nun ferner hört, daß sich doch ein Advokat findet, der sich, während wir hier auf Erden leichtsinnig schlafen und träumen, unserer Sache bei Gott annimmt und uns bei Gott vertritt. Zu einem Prozeß gehört ein Advokat, und nun, Gott Lob und Dank! wir haben einen Advokaten, einen Mittler zwischen uns und Gott, nur einen, aber doch einen! Es ist ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch JEsus Christus! (1. Tim. 2, 5). Ja, Halleluja! So jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, JEsum Christum, den Gerechten! (1. Joh. 2, 1.) Wir auf Erden freilich wissen nicht einmal, daß Streit zwischen uns