Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/263

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 Meine lieben Brüder! Dies ist die Hauptlehre der evangelischen Kirche und ihr Unterschied von der katholischen, daß im Gerichte Gottes der Mensch nur darum gewinne, daß Christus für ihn eintritt mit Seinem Verdienste und ihn vertritt! Und diese Rechtfertigung Gottes um Christi willen ist das größte Kleinod, welches ein Mensch empfangen kann, denn bei ihr empfängt er Christum und alles das Seinige zum Eigentum. Wer diese Rechtfertigung aus Glauben noch nicht hat, ist ärmer als arm, und wenn er reich wäre, wie Salomo, so ist er doch arm, jämmerlich, blind und bloß! Ohne diese Rechtfertigung, die ein jeder in seinem Leben erfahren kann und soll, hat man höchstens einen falschen Weltfrieden in seinem Herzen, aber keinen Frieden Gottes! Ohne sie kann man nicht im Frieden leben und nicht selig sterben! Ich bezeuge es vor euch allen, daß auch euer keiner auf eine andere Weise als durch die Fürbitte und das Verdienst Christi, keiner durch ein anderes Mittel, als durch den Glauben und das Vertrauen auf diese Fürbitte und dieses Verdienst, zum Frieden kommen und selig sterben kann! Die meisten von euch wissen von dem Prozeß der Rechtfertigung nichts, sondern sie verlassen sich auf ihre Scheinheiligkeit und Heuchelei, sie stillen ihr Herz mit Wind, d. i. mit der Erinnerung an ihre Werke, aber nicht mit Christi Blut, ja, sie wissen gar nicht, wie man das nur anfangen solle, durch Christi Blut selig zu werden! Ich bitte euch darum um eurer Seele und Seligkeit willen, diese Lehre genauer kennen zu lernen und will euch gern eine kurze, treffliche schriftliche Darstellung derselben schenken, wenn ihr sie nur bei mir holen möget! Leset sie und betet dazu, daß ihr nur nicht in dem himmlischen Prozesse verloren geht!

 O meine Brüder, wenn ihr einmal diese Rechtfertigung empfangen habt, wenn ihr dadurch ins Heiligtum Gottes eingetreten seid, dann wird euch keine Leidenschaft beherrschen, dann werdet ihr zum Dank, daß nun der gefährlichste Prozeß gewonnen, in irdischen Dingen entweder gar keine Prozesse mehr führen, oder nur solche, welche nach dem Worte des HErrn und gegenwärtigen Verfassung der Welt sein müssen!