Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/267

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Ahnen, die doch in den Gräbern liegen und hier auf Erden unvermögend geworden sind, deren Gedächtnis, je edler sie waren, die Nachkommen, die jetzt leben und sich rühmen, so gar ruhmlos in den Schatten stellt. Wieder andere rühmen sich nicht der Hingeschiedenen Verwandten, sondern der noch lebenden, daß sie edle Frauen, wohlbegabte oder fromme Kinder, Geschwister etc. haben; was ist’s aber? Sie rühmen sich derer, die heute rot und morgen tot sind, und was hilft’s, edle Verwandte haben, wenn man selbst unedel ist? Endlich giebt es viele, die gern erzählen, daß sie angesehene Leute zu Freunden haben oder daß sie viele Freunde haben; aber davon schweige nur; wenn im Frühling eine einzige Frostnacht kommt, so sterben zahllose, schöne Blüten, so sind die Freunde, wenn einmal nur eine Nacht lang der Wind der Verleumdung weht, wenn du deiner Güter, deiner Gaben beraubt wirst. Menschengunst, auch frommer Menschen Gunst ist Rauch im Wind und eitler Dunst!

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 Nicht minder ist’s ein eitles Rühmen, wenn man sich geistiger Güter rühmen will. Es giebt Leute, welche von Gott besondere Talente empfangen haben. Alsbald dünken sie sich erhaben über andere Leute und sehen mit hochmütiger Vornehmheit auf andere herab. Und doch sind beide, der Talentvolle und der Talentlose, wenn es ernst gilt, einer so blind wie der andere; sie wissen alle beide nicht, wie man von allem Übel los werde und durch des Todes Pforten zu dem ewigen Himmelreich komme; es geht ihnen beiden gleich, Unglück trifft sie, den Unweisen oft weniger als den Weisen, und vor dem Tod erbleicht Talent und Thorheit gleichermaßen. Ebenso eitel ist es, wenn einer an der von Gott verliehenen Mischung der Seelenkräfte, an seinem Temperamente ein so großes Wohlgefallen findet, daß er etwa sanftmütiger als andere, oder gutmütiger, oder von leichter entzündetem, natürlichem Mitleid ist u. dgl. Aber alles das ist noch lange kein himmlisches Wesen, es darf nur das Evangelium kommen und alles, was nicht aus Glauben kommt, verachten, als einen Gegenstand bezeichnen, für welchen Buße zu thun ist, so fühlt sich ein jeder am wunden Fleck berührt und seine Lebensfreude