Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/269

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dem andern ab; aber während es ihm gelingt, äußere Fehler abzuthun, sich äußerlich zu waschen, schwillt sein Herz inwendig von Werkheiligkeit und geistlichem Hochmut, die Krankheit hat sich nach innen gewendet; er rühmt die Überwindung mit frommen Worten, er giebt äußerlich Gott den Preis, aber der Satan läßt ihn bei allen solchen Worten nur an sich selbst denken, er dankt und preist nur sich, und während er noch meint, ein Lobsänger Gottes zu sein, ist er einstimmig mit der Hölle Liedern, die hochmütig Gott schmähen und der höllischen Kräfte Wunderwerke loben. O Tugendstolz der Bekehrten, Werkheiligkeit, wahrlich, wahrlich, wer dir entgeht, der geht den schmalen Pfad! Aber wahrlich, wahrlich, sehr schmal, sehr schmal ist der Pfad, und wenige wandeln auf ihm.

 Endlich giebt es auch solche Ruhmredige, welche sich der Trübsal rühmen, aber nicht, weil sie Gnade ist und in Demut getragen eine süße Frucht der Läuterung wirkt, sondern weil sie glauben, mehr Trübsal zu überwinden, stärker zu sein als andere Leute, und, es ist thöricht, vergessen, daß die Kraft auch zum Leiden von oben her kommt. Sie gehen unter ihrem Kreuz einher, immer herumblickend, ob sie erkannt werden als Kreuzträger, sie tragen ihr Kreuz zur Schau, sie tragen Christi Kreuz mit Christi Kraft, sie rühmen sich, als wäre es ihre Kraft, da entschwindet Christi Kraft und die Kraft des Satans hilft ihn überwinden. Ihre himmlische Erstgeburt ist entflohen und nur der Wahn, der eitle Stolz, das eitle Rühmen ist übrig geblieben. Ach, wie oft erleben das Seelsorger, daß die Kranken, die Sterbenden, die dem Tode nahenden Menschen, die, welche nun bald vor Gottes Richterstuhl treten, daß sie sich in Betracht ihrer guten Tage ihrer Tugend und Tugendarbeit, und in Betracht ihrer Krankheit ihrer Geduld und ihres stillen Sinnes rühmen; großer Gott, am Rande des Verderbens, am schwindelnden, gehen sie noch hin, als eitler Ehre Begierige, als Hochmütige, die sich etwas zuschreiben, Gott lästernd, dem alle Ehre gebührt, und dem Menschen allein die Sünde!

 Alles dies nun genannte Rühmen ist Stolz und weiter nichts, wo aber Stolz herrscht, da ist man entweder nie ein