Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/301

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jeder sich selbst nichts achtet, so ist ihre Einigkeit eine süße, fröhliche, in Demut selige Einigkeit! Sie sind alle traurig in sich und fröhlich in Ihm, und tragen in sich das heilige Widerspiel der Sehnsucht und Befriedigung, welches sie nicht eher aufhören läßt, zu beten und zu ringen, bis sie an Seiner Brust liegen.

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 4. Die Demut ist ferner eine gerechte Anerkennung der besondern Gnadengaben Gottes, sowie der natürlichen Geistes- und Körpergaben in sich und andern. Wenn der Demütige an sich eine Gnadengabe, irgend einen Vorzug erkennt, so erkennt er ihn als Gabe Gottes, die ihm ohne alles Verdienst zu teil geworden. Er nährt keinen heimlichen Stolz auf Gottes Gnadengaben. Er prangt nicht mit dem, was ihm Gott geschenkt hat, er steckt nicht die Zinsen ein von den Talenten, die ihm Gott geliehen, er fragt sich nicht: „Warum habe ich gerade diese Gabe und mein Bruder nicht?“ und wenn ihm eine solche Frage kommt, so wehrt er sich wenigstens der Antwort: „Weil du’s bist, darum hast du deine Gabe,“ er antwortet sich aber mit dem Spruch: „Wem Ich gnädig bin, dem bin Ich gnädig, und wes Ich Mich erbarme, des erbarme Ich Mich!“ – Aber eben weil ein Demütiger in seinen Gaben Gottes Güter erkennt, so verachtet er sie auch nicht, noch achtet er sie geringer, als sie sind, sondern übt und pflegt sie und wuchert mit ihnen. Er lernt sie kennen, damit er sie richtig schätze, und läßt sich in ihrer Übung durch niemand aufhalten, St. Paulo gleich, der auf der einen Stelle sich für den geringsten aller Apostel, ja für den größten Sünder erkannte, nach der Wahrheit, aber mit ebenso großer Wahrheit sagt: „Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin!“ Der Demütige erkennt sich als Wächter seiner Gabe; aber er weiß auch, wie schwer es ist, Gottes Gaben göttlich zu gebrauchen, weiß, wie nah der Hochmut an die Demut, und die Ruhmredigkeit an den heiligen Brauch göttlicher Gaben grenzt, und diese Gefahr hält ihn wach und im Gebet auf seinem schmalen Pfade, daß er nicht gleite. Der Demütige erkennt aber auch Gaben, die Gott andern gegeben, und mißt sie mit nüchternem Blick. Er erhebt sich der seinen nicht über Gebühr,