Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/337

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Dich ist nur darum solche Sündennacht, damit Deine Herrlichkeit, o Sonne des Lebens, desto prachtvoller glänze, Du Sonne in dunkler Nacht! Ja, so heilig handelt der heilige, sterbende Christus. Wenn Salomos Mutter, Bathseba, zu ihm kam, so stand er auf von seinem Thron, ging ihr entgegen, betete sie an, setzte sich dann wieder auf seinen Stuhl, und seiner Mutter ward der Stuhl zu seiner Rechten gesetzt,[1] so ehrte der König Salomo seine Mutter! Aber was ist das gegen diese Ehre, welche der Herr der Herrlichkeit, der ewige Friedefürst und Salomo, Seiner Mutter von Seinem Kreuze herab anthat! ER stieg nicht von Seinem Kreuze, ER ging ihr nicht entgegen, ER betete sie nicht an, ER starb aber für ihr ewiges Heil, ER gab ihr einen Sohn, der sie nicht verließ, ihr treu blieb bis an ihr Ende, ER tröstete sie in ihrem größten Schmerz mit liebreichem Munde; während Sein Geist die ganze Welt umfaßte und um sie warb, vergaß ER Seine Mutter nicht!

 War Maria schon zuvor mit Leib und Seele nur Liebe für ihren heiligen und erhabenen Sohn, wie erst nun, nach solchem Beweis Seiner Liebe! Wenngleich dadurch der Wert ihres Sohnes nur desto größer erschien, ihr Verlust desto schwerer, ihr Schmerz desto herber und durchdringender wurde, so lag doch eben darin, in dieser Liebe des Sohnes eine so sanfte Tröstung, eine so gewaltige Stärkung, daß ihr die auferlegte Schmerzenslast nicht schwerer, sondern leichter wurde!

 O Brüder und Schwestern! Wie schön ist diese Geschichte! Lasset uns doch anbeten vor dem HErrn, der Gott ist, und doch so groß als Mensch, so gut und freundlich, so leutselig und barmherzig!




 Doch, Brüder! nachdem ihr die Geschichte gehört, kann ich euch nicht ohne eine Vergleichung des Betragens andrer Söhne mit dem Betragen dieses Sohnes, nicht ohne Auslegung von dem dreifachen Segen dieses demütigen Beispiels des großen


  1. 1. Kön. 2, 19.