Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/338

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Königs in eure Häuser zurückgehen lassen. Ich will mich kurz fassen in einer Sache, wo viel zu reden wäre: schenket mir Geduld, auf daß ihr Segen empfanget!

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 Wie ganz anders ist das Betragen der Söhne und Töchter in der Welt gegen ihre Eltern. Dieselben Kinder, denen in den Tagen der ersten Kindheit Vater und Mutter das Himmelreich waren, die völlig in ihnen lebten, ohne sie nicht leben konnten, können hernach so völlig das Gegenteil werden, daß ihnen niemand weniger zu ihrem Glücke nötig ist, als die Eltern, daß keine Gesellschaft für sie unerträglicher und langweiliger ist, als eben die des grauen Vaters, der grauen Mutter. Sie sehen wohl, daß Vater und Mutter keine größere Freude haben, als bei dem Sohne zu sein, als Zeugen seines Wohlergehens; aber die Kinder sehen es für eine große Plage und Aufopferung an, wenn sie auch nur eine Stunde bei ihnen sein sollen. Die Eltern geizen nach jedem Wort des Sohnes, der Sohn ist einsilbig gegen sie, wenn er gegen alle andern gesprächig ist, trocken und langweilig, wenn er sonst gegen alle anmutig und freundlich, leutselig und gütig ist. O wie wenig Worte des Dankes hört ein graues Haupt von dem geliebten Kind, das es reden gelehrt hat! Und wie noch viel weniger Werke des Dankes geben sich kund. Oft erfährt es eine arme Mutter, daß ihr Sohn sie nicht einmal in den bedeutendsten Angelegenheiten seines eigenen Lebens, das doch ihr eigenes Leben ist, zu Rate zieht, und wenn sie es im Überschwang ihrer Liebe wagt, ihm in sein Thun ein Wort darein zu reden, wehe ihr dann, ihr armes, liebevolles Herz wird von dem Sohne rauh und heftig zurückgewiesen, und oft bedeutet, daß die Mutter nichts angehe, was den Sohn angeht. Das erfährt eine Mutter, die von ihrem Sohne keine Unterstützung braucht, die ihren Sohn unterstützt, der dafür auf ihr Ende wartet, damit er die Mutter los habe und mit Freuden in Empfang nehme, was sie nachgelassen. Wie aber geht es erst armen Müttern, welche wohl Unterstützung brauchen könnten, wie schnöde werden sie behandelt! Es giebt Tiere, welche aus angeborenem Triebe ihre Alten pflegen und ihnen das Nötige darreichen, wenn sie es nicht mehr selbst gewinnen können: